Decius Valmorbida leitet seit August 2020 die Travel-Sparte bei Amadeus und sitzt im Executive Committee des Unternehmens. In verschiedenen Branchenauftritten — zuletzt beim Trip.com Airline Global Conference in Amsterdam und beim IATA World Air Transport Summit 2025 — hat er skizziert, wohin die Reise geht: weg vom Buchungssilos-Denken, hin zum nahtlosen Trip als Ganzes.
Was Amadeus eigentlich macht — und warum es dich als Reisender betrifft
Amadeus taucht selten in Schlagzeilen auf, steckt aber in fast jeder Buchung drin. Das Unternehmen verbindet Airlines, Flughäfen, Reisebüros, Bahngesellschaften und Firmenkunden über eine gemeinsame Technologieplattform. Wenn du über ein Reisebüro oder viele Buchungsportale einen Flug buchst, läuft im Hintergrund oft Amadeus-Technik.
Valmorbida beschreibt die Kernaufgabe so: Der Reisende kauft keine Einzelprodukte — er kauft eine Reise. Flug, Hotel, Transfer, Zug — das gehört zusammen. Genau dort sieht er den größten Nachholbedarf der Branche.
Das Amazon-Prinzip auf Reisen übertragen
Beim Trip.com Airline Global Conference in Amsterdam zog Valmorbida einen Vergleich, der in der Branche für Gesprächsstoff sorgte: Was Amazon für den Einzelhandel getan hat, müsse die Reisebranche für sich selbst leisten. Amazon hat dafür gesorgt, dass der Kauf eines Produkts, die Lieferung, die Rückgabe und der Kundendienst nahtlos ineinandergreifen — ohne dass der Käufer merkt, wie viele Systeme im Hintergrund zusammenarbeiten.
Auf Reisen heißt das konkret: Ein Flug verspätet sich, der Mietwagen-Termin müsste automatisch angepasst werden, das Hotel weiß Bescheid. Heute passiert das nicht — jede Buchung lebt in ihrer eigenen Welt.
„I think now the focus of the innovation is around bringing this idea that the traveler is buying trips, and we need to have a connected trip, and we need to make things simpler.“
Modern Airline Retailing: Was dahintersteckt
Ein Kernprojekt, das Valmorbida vorantreibt, heißt Modern Airline Retailing. Die Idee: Airlines sollen ihre Angebote nicht mehr als starres Set aus Tarifen und Klassen verkaufen, sondern als flexible Pakete — ähnlich wie ein Online-Shop Produkte mit unterschiedlichen Konfigurationen anbietet.
Das klingt nach interner Branchentechnik, hat aber direkte Auswirkungen auf Buchungsportale und Reisebüros. Wer heute über ein Reisebüro bucht, bekommt oft nicht alle Zusatzleistungen einer Airline angezeigt — weil die Systeme nicht kompatibel sind. Modern Airline Retailing soll diese Lücke schließen.
Connected Trip — was bringt das wirklich?
Dafür spricht
- Automatische Anpassung bei Verspätungen über alle Buchungsbestandteile
- Eine Buchungsmaske statt drei verschiedene Portale
- Reisebüros können alle Airline-Zusatzleistungen vollständig anzeigen
- Firmenkunden sehen alle Reisekosten in einem System
Dagegen spricht
- Umsetzung braucht Jahre — alle Marktteilnehmer müssen mitmachen
- Datenschutzfragen: Wer sieht welche Reisedaten?
- Kleinere Airlines und Hotels könnten ins Hintertreffen geraten
- Abhängigkeit von wenigen großen Technologieplattformen wächst
Was das für Reisende bedeutet — und wann es so weit ist
Ehrlich gesagt: kurzfristig wenig. Die Systeme, die Valmorbida beschreibt, werden im Hintergrund gebaut. Reisende werden sie nicht als neue App oder Funktion wahrnehmen, sondern als weniger Reibung — wenn Buchungen reibungsloser laufen, Umbuchungen einfacher werden, Zusatzoptionen vollständiger angezeigt werden.
Mittel- bis langfristig könnte das Modell aber dazu führen, dass Direktbuchungen bei Airlines und die Buchung über Reisebüros wieder gleichwertigere Ergebnisse liefern — ein Ziel, das die Branche seit der NDC-Einführung durch IATA verfolgt, bisher aber nur teilweise erreicht hat.
Fazit: Große Idee, langer Weg
Valmorbidas Vision ist schlüssig — und der Vergleich mit Amazon trifft einen wunden Punkt. Online-Shopping funktioniert als System, Reisebuchung funktioniert als Aneinanderreihung von Einzelschritten. Ob Amadeus das ändern kann, hängt nicht nur von der Technologie ab, sondern davon, ob Airlines, Hotels und Reisebüros bereit sind, ihre Daten und Systeme wirklich zu öffnen. Das ist eine kommerzielle und politische Frage — nicht nur eine technische.
Wer den Stand der Branchendiskussion verfolgen will, findet aktuelle Entwicklungen beim IATA World Air Transport Summit, wo Valmorbida regelmäßig spricht.



