Die Wiener Kaffeehauskultur gehört seit 2011 zum immateriellen UNESCO-Weltkulturerbe und ist eines der ältesten Kulinarik-Erbe Europas. Seit der ersten Eröffnung 1685 durch Johannes Diodato hat sich rund um die Mokkatasse eine eigene Lebensphilosophie entwickelt: Stundenlanges Sitzen mit nur einer Melange, Zeitungen im Holzgestell und die ungeschriebene Regel, dass Gäste nicht zum Konsumieren gedrängt werden. Über 80 traditionelle Kaffeehäuser im Wiener Stil prägen heute das Stadtbild, von den Klassikern Central, Hawelka, Sperl und Landtmann bis zu Geheimtipps wie Bräunerhof und Jelinek. Dazu kommen mindestens 30 Kaffeespezialitäten (Melange, Einspänner, Franziskaner, Fiaker) und ein eigenes Universum österreichischer Mehlspeisen mit Sachertorte, Apfelstrudel und Kaiserschmarrn als Stars. Dieser Guide zeigt Dir die wichtigsten Häuser, Spezialitäten, Geheimtipps und einen Drei-Tage-Plan für die ultimative Wiener Kaffeehaus-Tour.
Anreise nach Wien und in die Kaffeehaus-Bezirke
Wien ist über Flug, Bahn und Auto exzellent erreichbar. Die meisten klassischen Kaffeehäuser liegen im 1. Bezirk (Innere Stadt) sowie in den angrenzenden Bezirken 4, 6, 7, 8 und 9. Wer mehrere Häuser an einem Tag besucht, fährt mit U-Bahn, Straßenbahn oder zu Fuß.
Mit dem Auto
Aus dem Norden Deutschlands über A9 und A8 Richtung Salzburg, dann die A1 West-Autobahn nach Wien. Aus dem Süden über München, Salzburg ebenfalls A1. Die elektronische Vignette (12,40 Euro für 10 Tage) ist Pflicht. Im 1. Bezirk gibt es nur Kurzparkzonen (maximal 2 Stunden), die Tiefgaragen am Hotel Sacher, Albertina oder Hofburg kosten rund 36 Euro pro 24 Stunden. Park-and-Ride-Plätze außerhalb des Stadtkerns sind günstiger.
Mit der Bahn und dem ÖPNV
Der Wiener Hauptbahnhof ist mit Railjet-Direktverbindungen aus München (4 Stunden), Hamburg (10 Stunden, auch als Nightjet), Berlin (7:45 Stunden), Zürich (8 Stunden) und Budapest (2:30 Stunden) angeschlossen. Ab Hauptbahnhof bringt Dich die U1 in 3 Stationen zur Karlsplatz oder Stephansplatz mitten im Kaffeehaus-Revier. Die Wiener Linien sind günstig, ein 72-Stunden-Ticket kostet rund 18 Euro.
Mit dem Flugzeug
Wien-Schwechat (VIE) ist Drehkreuz mit Direktflügen aus rund 100 Städten weltweit. Aus Deutschland gibt es Flüge ab praktisch allen Großstädten in 1 bis 1:30 Stunden. Vom Flughafen erreichst Du das Stadtzentrum mit dem CAT (City Airport Train, 16 Minuten, 14,90 Euro), der S7 (25 Minuten, 4,30 Euro) oder dem Vienna Airport Lines Bus (20 Minuten, 11 Euro).
Vor Ort bewegen
Die meisten klassischen Kaffeehäuser liegen im sogenannten Goldenen U, einer Fußgängerzone zwischen Stephansdom, Hofburg und Albertina. Die U3 verbindet Stephansplatz, Volkstheater und Westbahnhof, die U2 fährt am Schottentor und Karlsplatz vorbei. Die historische Straßenbahnlinie D und die Ringtram sind kleine Touristen-Klassiker für sich.
Die Geschichte der Wiener Kaffeehauskultur
Die Wiener Kaffeehauskultur ist über 340 Jahre alt und hat sich aus einer osmanischen Erfindung zu einer eigenen mitteleuropäischen Lebensform entwickelt. Vier Epochen prägen ihre Geschichte und sind in den heutigen Häusern bis ins Detail spürbar.
Die Anfänge nach 1683
Nach der Zweiten Türkenbelagerung 1683 sollen die Wiener in den verlassenen osmanischen Lagern Säcke mit grünen Bohnen gefunden haben. Die Legende von Georg Franz Kolschitzky als erstem Wiener Kaffeesieder gilt als romantisierte Erfindung, urkundlich belegt ist die Konzession von Johannes Diodato am 17. Januar 1685. Bis 1720 öffneten zehn weitere Häuser, ab den 1830er Jahren erlaubte ein Patent das Servieren mit Milch und Süßwaren.
Die Blütezeit der Wiener Moderne
Zwischen 1890 und 1938 erlebten die Kaffeehäuser ihre kulturelle Hochphase als Treffpunkte für Literaten, Maler und politische Denker. Im Café Central spielte Leo Trotzki Schach, im Café Griensteidl trafen sich Hugo von Hofmannsthal, Stefan Zweig und Karl Kraus. Sigmund Freud war Stammgast im Café Landtmann, Klimt und Schiele zeichneten am Marmortisch. Die Kaffeehausliteratur wurde zur eigenen Gattung, der österreichische Schriftsteller Peter Altenberg ließ sich seine Post ans Café Central adressieren.
Krise nach 1938 und Wiederaufbau
Die Vertreibung der jüdischen Stammgäste und Eigentümer 1938 zerstörte das soziale Netzwerk der Kaffeehäuser nachhaltig. Nach 1945 setzte ein langsamer Wiederaufbau ein, einige legendäre Häuser wie das Griensteidl wurden später wiedereröffnet. Die UNESCO erkannte 2011 die Wiener Kaffeehauskultur als immaterielles Welterbe an und definierte sie als Ort, wo Zeit und Raum konsumiert werden, aber nur der Kaffee auf der Rechnung steht.
Heute zwischen Tradition und Specialty Coffee
Neben den klassischen Traditionshäusern hat sich seit den 2010ern in Wien eine starke Third-Wave-Specialty-Coffee-Szene etabliert. Adressen wie Kaffemik, Süssmund, Jonas Reindl und Balthasar bringen Hand-Filter, Cold Brew und Single Origins. Die klassischen Häuser bleiben aber prägend für das Stadtbild und ihre Marmortische sind heute oft Drehort für Filme und Werbeaufnahmen.
Die sechs Top-Kaffeehäuser im Überblick
Café Central
Eröffnet 1876 im Palais Ferstel, Herrengasse 14. Treffpunkt von Trotzki, Altenberg und Kraus. Klavierspiel ab 17 Uhr, lange Schlange in der Hochsaison.
Café Hawelka
Dorotheergasse 6, seit 1939 in Familienhand. Stammlokal von Helmut Qualtinger und Friedrich Torberg. Berühmte Buchteln nur abends ab 22 Uhr.
Café Sacher
Im Hotel Sacher gegenüber der Staatsoper. Original Sachertorte seit 1832, das Rezept ist Geschäftsgeheimnis. Im Sommer Terrasse am Albertinaplatz.
Café Landtmann
Universitätsring 4 gegenüber dem Burgtheater. Sigmund Freud war Stammgast, heute Treffpunkt von Politikern und Schauspielern. Frühstück bis 11:30 Uhr.
Café Sperl
Gumpendorfer Straße 11, seit 1880 originalgetreu erhalten. Billardtische aus dem 19. Jahrhundert, Klimt war Stammgast. Kein Wlan, dafür Zeitschriften.
Café Bräunerhof
Stallburggasse 2, weniger touristisch. Thomas Bernhard hat hier täglich gefrühstückt. Wochenend-Klaviermusik live, Marmortische und Holzpaneele.
Die fünf großen Kaffeehäuser im direkten Vergleich
Im Café Central und Sacher kann es in der Mittagszeit zu Wartezeiten von 30 bis 60 Minuten kommen.
Die Wiener Kaffee-Spezialitäten
In einem klassischen Wiener Kaffeehaus stehen mindestens 30 Kaffeevarianten auf der Karte. Wer Filterkaffee bestellt, outet sich als Tourist und bekommt vermutlich verlängerten oder verlängert braun. Diese Spezialitäten solltest Du kennen.
Melange und Mokka als Basis
Die Melange ist Wiens Antwort auf den Cappuccino: Halb Kaffee, halb heiße Milch mit etwas Milchschaum. Klassisch wird sie mit Wasserglas serviert, ohne Zucker. Der kleine Schwarze oder kleine Mokka ist ein einfacher Espresso, der große Mokka ein doppelter. Der Verlängerte ist ein kleiner Mokka mit gleich viel heißem Wasser, milder als Espresso.
Einspänner und Franziskaner
Der Einspänner ist ein doppelter Mokka in der Glastasse, gekrönt von einer Haube Schlagsahne und etwas Schokoladenraspeln oder Zimt. Der Franziskaner ist eine Melange mit Schlagsahne statt Milchschaum. Der Kapuziner ist ein kleiner Schwarzer mit einer Spitze Schlagsahne, der Kaisermelange wird mit Eigelb und Cognac veredelt.
Fiaker, Maria Theresia und Kaffee mit Schuss
Der Fiaker ist ein doppelter Mokka mit Rum oder Slivovitz im Glas mit Henkel. Maria Theresia kombiniert doppelten Mokka mit Orangenlikör und Schlagsahne, Mozart-Kaffee enthält Mozart-Likör, Pharisäer Rum unter der Sahne-Haube. Der Kaisertrank ist Mokka mit Eigelb und Honig, aufgetragen mit Cognac.
Praktische Tipps für die Kaffeehaus-Tour
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Frühstücks-Menüs als Schnäppchen
Café Landtmann, Sperl und Schwarzenberg bieten Frühstückspakete zwischen 12 und 18 Euro mit Melange, Saft, Wurst-Käse-Platte und Gebäck. Im Vergleich zu einzelnen Bestellungen sparst Du rund 30 Prozent. Verfügbar meist bis 11:30 Uhr.
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Bestelle eine Melange, nicht Cappuccino
Cappuccino gibt es in modernen Cafés, im Traditionshaus heißt das Pendant Melange. Wer einen klaren Wiener Kaffee will, bestellt Mokka klein oder groß, einen Verlängerten oder Einspänner. Filterkaffee gibt es im traditionellen Kaffeehaus selten.
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Beste Besuchszeit Vormittag oder später Nachmittag
Zwischen 11 und 14 Uhr sind die Klassiker am vollsten und die Wartezeiten am längsten. Vormittags ab 9 Uhr oder nachmittags zwischen 15 und 17 Uhr bekommst Du fast immer einen Logenplatz und kannst die Atmosphäre in Ruhe genießen.
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Zeitungen kostenlos lesen
Jedes Traditionshaus stellt im Zeitungshalter aus Holz Tageszeitungen und Magazine bereit, oft auch internationale Ausgaben wie FAZ, NZZ und Le Monde. Wer eine Zeitung mit an den Tisch nimmt, gibt sie nach dem Lesen zurück. Tablet und Laptop sind in den meisten Klassikern verpönt.
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Sachertorten-Mythos verstehen
Es gibt zwei Original-Sachertorten in Wien, die juristisch jahrelang um den Namen gestritten haben: Hotel Sacher (mit Marillenmarmelade in der Mitte) und Konditorei Demel (ohne mittige Schicht). Beide kosten 9,50 bis 11 Euro pro Stück und sind nicht völlig identisch.
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Trinkgeld 10 Prozent
In Wiener Kaffeehäusern wird beim Bezahlen direkt zur Bedienung aufgerundet, etwa 10 Prozent sind üblich. Statt zu sagen ich gebe Trinkgeld nennst Du den Endbetrag inklusive, etwa Acht Euro zwanzig bei einer Rechnung über sieben Euro vierzig.
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Reservierung sinnvoll am Wochenende
Für Café Central, Demel und Sacher empfiehlt sich am Wochenende eine Reservierung über die Website oder Telefon. Spontane Besuche sind unter der Woche meist problemlos, im Sommer und um Weihnachten herum dauern Wartezeiten aber bis zu 90 Minuten.
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Apfelstrudel oder Sachertorte ordern
Wer nur eine süße Spezialität probieren kann, sollte Apfelstrudel mit warmer Vanillesauce wählen, das ist Wien-Klassiker pur. Sachertorte ist trockener als ihr Ruf, Marillenknödel im Herbst und Buchteln im Hawelka sind weitere Highlights mit lokaler Authentizität.
Insider-Tipps für die Kaffeehaus-Tour
Café Bräunerhof am Sonntag
Thomas Bernhards Lieblingscafé in der Stallburggasse 2 ist sonntags zwischen 15 und 18 Uhr besonders schön, weil dann ein Streichquartett klassische Musik spielt. Eintritt frei, Wiener Familien kommen mit dem Kaffeehaus-Frühstück, dann Apfelstrudel. Wer einen Logensitz mit roter Polsterung will, kommt um 14:30 Uhr.
Café Korb im Künstler-Bezirk
Im 1. Bezirk an der Brandstätte 9 ist das Café Korb seit 1904 eine Institution unter Wiener Künstlern. Es war Treffpunkt der Wiener Aktionisten und ist heute Lieblings-Adresse von Architekten und Designern. Apfelstrudel kommt mit Eis, der Anstecker am Hintereingang sagt mehr aus als die Karte.
Konditorei Demel als Pendant zu Sacher
Die K.K. Hofzuckerbäckerei Demel in der Kohlmarkt 14 produziert seit 1786 Mehlspeisen und macht der Sachertorte direkte Konkurrenz. Die Demel-Variante ist ohne Marillenmarmelade in der Mitte, dafür mit zwei Schichten dunkler Schokoladen-Glasur. Eine eigene Tour-Führung durch die Backstube ist sonntags möglich.



