Das Freiklettern hat eine über 160 Jahre alte Geschichte. Sie beginnt 1864 in der Sächsischen Schweiz, als Schandauer Turner um Bergsteiger Schuster den Falkenstein-Mönch erklimmen und damit die erste reine Felsbesteigung ohne Bergbahn-Vorbild im deutschsprachigen Raum dokumentieren. 1913 formulieren die Sächsischen Kletterregeln das Prinzip ohne künstliche Hilfsmittel als Erstes weltweit. Paul Preuss veröffentlicht 1911 sein Manifest, Emilio Comici eröffnet 1933 die Direttissima an der Cima Grande, die Yosemite-Pioniere der 1960er und die Free-Climbing-Revolution der 1970er bringen den Grad in neue Dimensionen. Wolfgang Güllich klettert 1991 mit Action Directe den ersten 9a, Lynn Hill befreit 1993 die Nose, Adam Ondra setzt 2017 mit Silence die 9c-Marke. Sechs Epochen, die zeigen, wie aus einer regionalen sächsischen Tradition eine olympische Disziplin wurde.

Die sechs Epochen des Freikletterns im Vergleich

Kriterium
Sächsische Wurzeln
Preuss-Manifest
Dolomiten-Direttissima
Yosemite-Gold
Frankenjura
Olympia-Ära
Zeitraum
1864 bis 1913
1911 bis 1918
1925 bis 1940
1950 bis 1979
1980 bis 2000
2001 bis heute
Schauplatz
Elbsandstein
Ostalpen
Dolomiten
Kalifornien
Bayern
Weltweit
Schlüssel-Pionier
Schandauer Turner
Paul Preuss
Emilio Comici
Royal Robbins
Wolfgang Güllich
Adam Ondra
Spitzen-Grad der Epoche
III bis IV
V bis VI
VI bis VII
5.11 bis 5.12
9a (5.14d)
9c (5.15d)
Schlüssel-Innovation
Knoten als Sicherung
Ethik-Kodex
Direkte Linienführung
Big-Wall-Klettern
Friends, Bouldern
Wettkampf-Kletterhallen
Schlüssel-Route
Mönch (1864)
Preuss-Riss Totenkirchl
Direttissima Cima Grande
The Nose, El Capitan
Action Directe (9a)
Silence (9c)
Material-Standard
Hanfseil, Knoten
Hanfseil, Felshaken
Stahlhaken
Pitons, Bongs
Friends, Bohrhaken
Carbon, Vibram

Jede Epoche baut auf der vorhergehenden auf — die sächsische Ethik, das Preuss-Manifest und die Yosemite-Free-Climbing-Bewegung formen zusammen den heutigen Standard, ohne künstliche Hilfsmittel zu klettern.

Die sechs Epochen im Detail

Sächsische Wurzeln 1864 bis 1913

Schandauer Turner besteigen 1864 den Falkenstein-Mönch und gründen die freikletternde Tradition. 1913 formulieren die Sächsischen Kletterregeln das Prinzip ohne künstliche Hilfsmittel weltweit als Erstes. Knoten in Bandschlingen ersetzen Klemmkeile, geklettert wird nur mit Hanfseil und Magnesia-Verbot. Diese Ethik prägt das gesamte Freiklettern bis heute.

Preuss-Manifest 1911 bis 1918

Paul Preuss veröffentlicht zwischen 1911 und 1913 sein Manifest gegen künstliche Hilfsmittel. Der Wiener Bergsteiger klettert solo Routen wie den Preuss-Riss am Totenkirchl im V-Grad. Sein Tod 1913 am Mandlkogel beendet die Karriere, das Manifest aber prägt die alpinistische Ethik für 100 Jahre. Tausende Routen entstehen unter dem Preuss-Prinzip.

Dolomiten-Direttissima 1925 bis 1940

Emilio Comici eröffnet 1933 die Direttissima an der Cima Grande di Lavaredo — die direkte Linie von unten nach oben ohne Umgehungen. Der Triester schafft 1937 die Comici-Direttissima an der Civetta-Nordwand. Seine Maxime — wenn ich ein Wasserfall wäre, würde ich genau so fliessen — wird zum Leitmotiv der Direttissima-Bewegung.

Yosemite-Gold 1950 bis 1979

Royal Robbins, Warren Harding und Tom Frost öffnen El Capitan und Half Dome für das Big-Wall-Klettern. The Nose wird 1958 erstbegangen, 1960 von Robbins frei. Henry Barber etabliert in den 1970ern den Onsight-Stil. Ray Jardine erfindet 1973 die Friends, die das Trad-Klettern revolutionieren. Der 5.12-Grad fällt, die Free-Climbing-Bewegung formiert sich.

Frankenjura-Revolution 1980 bis 2000

Wolfgang Güllich klettert 1985 mit Punks in the Gym in Australien den weltweit ersten 8b+. 1991 setzt er mit Action Directe im Frankenjura die 9a-Marke. Der Frankenjura wird Sportkletter-Mekka, Klemmkeile weichen Bohrhaken, Bouldern emanzipiert sich als eigene Disziplin. Lynn Hill befreit 1993 die Nose in einem Tag — die erste freie Begehung.

Olympia-Ära 2001 bis heute

Wettkampfklettern ab 1985 in Bardonecchia, die IFSC wird 2007 gegründet. Olympia 2020 Tokio bringt die Premiere mit Lead, Bouldern und Speed. Adam Ondra klettert 2017 in Flatanger mit Silence den weltweit ersten 9c. Kletterhallen erreichen jeden Provinzstadt, der Sport zählt 2026 weltweit über 30 Millionen Aktive.

Schlüssel-Pioniere und ihre Bedeutung

Paul Preuss (1886 bis 1913)

Der Wiener Bergsteiger und Mediziner formuliert mit seinem Manifest ab 1911 das ethische Fundament des modernen Freikletterns. Seine Forderung — ohne künstliche Hilfsmittel und ohne Selbstsicherung — geht weiter als die spätere Sächsische Regel. Preuss klettert über 1200 Touren, davon 150 Solo-Erstbegehungen. Sein Tod beim Solo-Versuch am Mandlkogel-Nordkant 1913 macht ihn zur Ikone, sein Manifest beeinflusst die alpine Ethik 100 Jahre lang.

Wolfgang Güllich (1960 bis 1992)

Der bayerische Frankenjurakletterer dehnt zwischen 1984 und 1991 die Grenzen des Möglichen aus. Kanal im Rücken 1984 mit 8b, Punks in the Gym 1985 in Australien mit 8b+, Wallstreet 1987 mit 8c und Action Directe 1991 mit 9a setzen jeweils Weltmarken. Sein Trainings-System mit Campusboard wird Standard. Güllich stirbt 1992 bei einem Verkehrsunfall, 31 Jahre alt — seine Routen bleiben Pflicht-Klassiker für Spitzenkletterer.

Lynn Hill (geboren 1961)

Die US-Amerikanerin befreit 1993 die Nose am El Capitan in 23 Stunden — die erste Freibegehung der Pflicht-Route überhaupt. 1994 wiederholt sie das Kunststück in einem Tag. Hill gewinnt zudem 30 internationale Wettkampf-Titel und prägt die Frauen-Kletter-Szene wie keine zweite Athletin. Ihre Nose-Begehung gilt bis heute als ikonischste Free-Climbing-Leistung der Geschichte.

Adam Ondra (geboren 1993)

Der tschechische Spitzenkletterer dominiert seit 2008 die Sportkletter-Szene. Olympia 2020 Tokio gewinnt er Bronze in der Kombination. Silence in Flatanger 2017 setzt mit 9c die noch unerreichte Spitzenmarke. Ondra klettert zudem die Dawn Wall am El Capitan 2016 als zweite Begehung in nur 8 Tagen. Seine analytische Trainings-Methode prägt eine ganze Generation.

Material-Entwicklung — Vom Hanfseil zum Carbon

Seile und Sicherungsmaterial

1864 klettern die sächsischen Turner mit Hanfseil ohne Halt-Möglichkeit. Edward Whympers Erkenntnisse nach dem Matterhorn-Unfall 1865 verbessern die Knoten-Technik. Felshaken erscheinen ab 1900, Karabiner 1910. Perlon-Seil ab 1953 verdrängt das Hanfseil — reiß-fester, leichter, witterungsbeständiger. Modern sind Doppel- und Halbseile mit 8 bis 10 mm Durchmesser standard.

Klemm-Geräte und Friends

Klemmkeile aus Holz erscheinen ab 1960 im Yosemite. Hexagonal-Keile ab 1970. Ray Jardine erfindet 1973 die Friends — Federspann-Klemmgeräte, die in Rissen jeder Breite halten. Der Friend revolutioniert das Trad-Klettern, ohne Verletzung des Felsens lassen sich Routen sicher klettern. BD Camalot ab 1986 setzt den modernen Standard.

Kletterschuhe

Bis 1980 klettert man in Bergstiefeln oder Tennisschuhen. EB Super Gratton ab 1968 ist erster spezieller Kletterschuh. Boreal Firé 1981 bringt Gummi-Sohle mit Reibungseigenschaften, die im Frankenjura-Sportklettern entscheidend wird. Heute La Sportiva Solution, Scarpa Drago und 5.10 Anasazi für 130 bis 200 EUR Standard. Vibram XS-Grip2-Gummi ist Industrie-Norm.

Praktische Tipps zur Geschichts-Vertiefung

  • i Klassische Routen klettern

    Wer die Geschichte verstehen will, klettert klassische Routen — den Mönch in der Sächsischen Schweiz (Schwierigkeit III), die Preuss-Riss am Totenkirchl, die Comici-Direttissima Cima Grande, im Yosemite The Nose. Jede Route ist gelebte Klettergeschichte.

  • Bergsteiger-Biografien lesen

    Reinhold Messners Buch über Paul Preuss, Wolfgang Güllichs Biografie von Tilmann Hepp, Lynn Hills Climbing Free und Adam Ondras Autobiografie sind Pflicht-Lektüre. Sie erklären die Motivation und Persönlichkeit der Pioniere besser als jede Wikipedia-Seite.

  • + Alpenvereins-Archive nutzen

    Der Deutsche Alpenverein und der Österreichische Alpenverein haben digitalisierte Archive mit Erstbegehungs-Berichten bis 1880. Wer historische Erstbegehungen recherchieren will, findet hier Original-Dokumente von Preuss bis Comici.

  • Sächsische-Schweiz-Besuch

    Ein verlängertes Wochenende in Hohnstein oder Bad Schandau zeigt die Geburtsstätte des Freikletterns hautnah. Falkenstein-Mönch, Lokomotive, Pfaffenstein — die Routen sind heute noch im Originalzustand zu klettern. Sächsische Kletterregeln einhalten ist Pflicht.

  • Frankenjura-Pilger-Tour

    Ein Wochenende im Frankenjura mit Action-Directe-Wand bei Krottenseer Forst, Climbers Paradise und Wolfgang-Güllich-Gedenkfels macht die Frankenjura-Revolution erlebbar. Übernachtung in Pottenstein 60 bis 80 EUR pro Nacht, Tagesgebühr Kletterzentrum nicht nötig — Routen sind öffentlich.

  • Yosemite-Geschichts-Trail

    Wer in Kalifornien klettert, sollte den Yosemite-Geschichts-Trail mit El Capitan Meadow, Camp 4 und Half Dome besuchen. Camp 4 ist seit 2003 im US-Denkmalverzeichnis — die Wiege des Free-Climbings der 1960er und 1970er.

  • Olympia-Wettkämpfe verfolgen

    Lead, Bouldern und Speed sind seit 2020 olympisch. Live-Streams auf den IFSC-Kanälen, Weltmeisterschaften jährlich, Weltcup-Serie ab Februar bis September. Wer die aktuelle Spitze verstehen will, schaut Adam Ondra, Janja Garnbret und Tomoa Narasaki live.

  • Dolomiten-Klassiker

    Die Cima-Grande-Direttissima von Emilio Comici 1933 lässt sich heute mit Bergführer in zwei Tagen klettern (Schwierigkeit VII, 500 m). Übernachtung in Auronzo-Hütte oder Drei-Zinnen-Hütte. Klettern in Comicis Originalspur ist gelebte Kletter-Historie.

Insider-Tipps zur Klettergeschichts-Erkundung

Klettergeschichts-Museen

Das Alpine Museum des DAV in München, das Bergsteiger-Museum in Bressanone und das Yosemite-Museum am Yosemite Village zeigen historische Ausrüstung, Original-Dokumente und Fotografien. Das Sächsische Bergsteiger-Bund-Archiv in Dresden hat die umfassendste Dokumentation zur sächsischen Kletter-Geschichte.

Filme und Dokumentationen

Free Solo (2018) über Alex Honnolds El-Capitan-Solo, The Dawn Wall (2017) über Tommy Caldwell, Reel Rock-Serie jährlich neue Episoden und der Wolfgang-Güllich-Film Rückkehr nach Action Directe (2022) sind die besten visuellen Quellen. Free Solo gewann 2019 den Oscar als bester Dokumentarfilm.

HÄUFIGE FRAGEN

Wo und wann begann das moderne Freiklettern?

1864 in der Sächsischen Schweiz mit der Besteigung des Falkenstein-Mönchs durch Schandauer Turner um Bergsteiger Schuster. Diese Tour gilt als erste dokumentierte Freibesteigung ohne Bergbahn-Vorbild im deutschsprachigen Raum. Die Sächsischen Kletterregeln 1913 formulierten als erste weltweit den Verzicht auf künstliche Hilfsmittel.

Was ist das Preuss-Manifest?

Paul Preuss veröffentlichte 1911 bis 1913 sein Manifest, das künstliche Hilfsmittel beim Klettern ablehnte. Er forderte das Klettern allein mit Hand und Fuß, ohne Felshaken zum Fortbewegen, idealerweise auch ohne Selbstsicherung. Preuss kletterte über 1200 Touren, 150 davon im Solo-Stil. Sein Tod 1913 am Mandlkogel-Nordkant machte ihn zur Ikone der Klettergeschichte.

Was sind die Sächsischen Kletterregeln?

1913 formuliert, verboten sie künstliche Hilfsmittel wie Klemmkeile, Bohrhaken und Magnesia. Stattdessen Knoten in Bandschlingen als Sicherung, ausschließlich Hanfseile, keine Trittleitern. Diese Regeln gelten in der Sächsischen Schweiz bis heute und sind das ethische Fundament des modernen Freikletterns.

Wer war Wolfgang Güllich?

Wolfgang Güllich (1960 bis 1992) war der bayerische Spitzenkletterer der 1980er und frühen 1990er. Er kletterte 1985 mit Punks in the Gym in Australien den weltweit ersten 8b+ und 1991 mit Action Directe im Frankenjura den weltweit ersten 9a. Sein Tod bei einem Verkehrsunfall 1992 mit nur 31 Jahren beendete eine außergewöhnliche Karriere. Sein Trainings-System mit Campusboard ist bis heute Standard.

Was war Lynn Hills Nose-Begehung 1993?

Lynn Hill befreite 1993 als erste Person die Nose-Route am El Capitan in Yosemite — eine 900 Meter hohe Wand. 1994 wiederholte sie die Begehung in nur 23 Stunden. Das gilt bis heute als ikonischste Free-Climbing-Leistung. Mehrere männliche Spitzenkletterer haben Jahre gebraucht, um die Hill-Begehung zu wiederholen.

Wann wurde Klettern olympisch?

2020 in Tokio (verschoben durch Pandemie auf 2021) mit den drei Disziplinen Lead, Bouldern und Speed in einer Kombinations-Wertung. 2024 in Paris waren Bouldern-Lead und Speed getrennt. Die IFSC (International Federation of Sport Climbing) wurde 2007 gegründet und arbeitete jahrzehntelang auf die olympische Anerkennung hin.

Was ist der Friend und wer erfand ihn?

Ray Jardine erfand 1973 in Yosemite den Friend — ein Federspann-Klemmgerät, das in Rissen jeder Breite hält. Vor dem Friend mussten Kletterer Klemmkeile aus Holz oder Aluminium für jede Spaltbreite vorhalten. Der Friend revolutionierte das Trad-Klettern, weil er ohne Verletzung des Felsens platziert werden kann. Black Diamond Camalot ab 1986 setzt den modernen Standard.

Was ist die schwierigste Kletter-Route der Welt?

Silence (9c, 5.15d) in Flatanger, Norwegen, erstbegangen 2017 von Adam Ondra. Die Route ist bis heute nicht wiederholt worden — eine Tatsache, die Ondras Leistung nochmals heraushebt. Der nächste 9c-Versuch von Stefano Ghisolfi an Bibliografía 2022 wurde später auf 9b+ herabgestuft. Damit bleibt Silence das schwierigste Free-Climbing-Projekt der Geschichte.

Was bedeutet Direttissima im alpinen Klettern?

Die Direttissima ist die direkte, geradlinige Wandführung ohne Umgehungen — die idealisierte Linie eines Wasserfalls von der Wandbasis zum Gipfel. Emilio Comici prägte den Begriff 1933 an der Cima Grande di Lavaredo. Sein Zitat: Wenn ich ein Wasserfall wäre, würde ich genau so fließen. Direttissima-Routen gelten als ästhetische Hochkultur des Alpinismus.

Wie hat sich das Klettermaterial historisch entwickelt?

1864 mit Hanfseil und Knoten in Bandschlingen. Felshaken ab 1900, Karabiner 1910, Perlon-Seil ab 1953 (reiß-fester und leichter). Klemmkeile aus Holz ab 1960. Friends 1973. Kletterschuhe mit Reibungsgummi ab 1981 (Boreal Firé). Heute Carbon-Helme, Vibram-XS-Grip2-Gummi, Dyneema-Bandschlingen. Jedes Material-Update hat höhere Grade ermöglicht.

Welche Bedeutung hatte Yosemite für die Klettergeschichte?

Yosemite war von 1950 bis 1980 das Zentrum des Free-Climbings. Royal Robbins, Warren Harding und Tom Frost öffneten die Big Walls von El Capitan und Half Dome. Camp 4 wurde 2003 ins US-Denkmalverzeichnis aufgenommen. Henry Barber etablierte 1970er den Onsight-Stil. Ray Jardine erfand 1973 die Friends. Lynn Hill befreite 1993 die Nose. Yosemite ist die Wiege des modernen Big-Wall-Free-Climbings.
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