Vilnius ist die Hauptstadt Litauens und mit rund 590.000 Einwohnern die größte Stadt des Landes — und zugleich eine der dichtesten Geschichtskulissen Europas. Die Stadt wurde 1323 erstmals urkundlich erwähnt, als Großfürst Gediminas einen Brief an die Hansestädte und den Papst schrieb. Vytautas der Große führte das Großfürstentum Litauen Ende des 14. Jahrhunderts zur größten Flächenausdehnung der europäischen Geschichte — von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. 1569 schloss Litauen mit Polen die Union von Lublin, 1579 gründete König Stephan Báthory die Universität Vilnius. Im 18. Jahrhundert war Vilnius das aschkenasische Jerusalem des Nordens mit über 100 Synagogen, dem Gaon von Wilna und einer der größten jüdischen Gemeinden Europas. Der Holocaust löschte diese Welt aus — in Ponary südlich der Stadt wurden 1941 bis 1944 rund 70.000 Jüdinnen und Juden ermordet. Nach dem Krieg folgte sowjetische Besatzung mit dem KGB-Hauptquartier in der Gedimino-Allee, heute Museum der Okkupationen und Freiheitskämpfe. Die Singende Revolution und die Unabhängigkeitserklärung vom 11. März 1990 brachten Litauen als ersten Sowjet-Teilstaat in die Freiheit. Heute ist die UNESCO-Altstadt mit rund 360 Hektar eine der größten erhaltenen Altstädte Osteuropas — Gediminas-Turm, Vilnius-Kathedrale, Tor der Morgenröte mit der Schwarzen Madonna, Sankt-Anna-Kirche und das autonome Künstlerviertel Užupis erzählen sieben Jahrhunderte europäischer Geschichte.
Anreise und Erreichbarkeit
Vilnius liegt im Südosten Litauens am Zusammenfluss von Neris und Vilnia, rund 290 Kilometer von Riga entfernt. Drei bis vier Tage reichen für die wichtigsten Geschichtsorte der Altstadt, fünf bis sechs Tage erlauben Abstecher nach Trakai oder zum Berg der Kreuze bei Šiauliai.
Mit dem Flugzeug
Der Flughafen Vilnius (VNO) liegt 6 Kilometer südlich des Zentrums. Direktflüge aus Deutschland gibt es ab München, Berlin, Frankfurt und Hamburg, dazu Ryanair ab Memmingen, Bremen und Köln. Flugzeit Frankfurt 2:10 Stunden. Vom Flughafen fährt der Zug alle 30 Minuten in 7 Minuten zum Hauptbahnhof für 0,70 Euro, Buslinie 88 in 25 Minuten für 1 Euro, Taxi-Festpreis 8 bis 12 Euro.
Mit der Bahn und dem ÖPNV
Der Hauptbahnhof Vilniaus geležinkelio stotis liegt am südlichen Altstadtrand. Internationale Verbindungen sind begrenzt — Fernbusse Lux Express und Ecolines aus Riga, Tallinn, Warschau und Berlin sind die Hauptanbindung. Innerhalb der Stadt deckt Vilniaus viešasis transportas das ganze Stadtgebiet ab — Einzelfahrt 1 Euro mit Vilniečio kortelė, Tagesticket 5 Euro.
Mit dem Auto
Aus Deutschland geht es über Berlin, Posen und Warschau auf der Via Baltica E67 — rund 1.250 Kilometer. Empfohlene Tiefgaragen Europa, Gedimino 9 und Pilies Arkados, Stundensatz 1,20 bis 2,50 Euro. Park-and-Ride am Stadion Žalgiris und am Bahnhof Vilkpėdė.
Vor Ort bewegen
Die UNESCO-Altstadt Senamiestis ist komplett zu Fuß erschließbar — Fußweg vom Kathedralenplatz bis zum Tor der Morgenröte rund 20 Minuten. Buslinien 10, 11 und 33 fahren entlang der Gedimino-Allee. Ride-Apps Bolt und Yandex Go, Innenstadtfahrt 3 bis 5 Euro.
Großfürstentum Litauen — mittelalterliche Großmacht
Vilnius wurde 1323 erstmals urkundlich erwähnt, als Großfürst Gediminas (1275 bis 1341) einen Brief an die Hansestädte und den Papst Johannes XXII. in Avignon schickte und Kaufleute, Handwerker und Mönche einlud. Eine Sage erzählt, Gediminas habe an dem Hügel am Zusammenfluss von Neris und Vilnia von einem eisernen Wolf geträumt — der Schamane Lizdeika deutete den Traum als Auftrag, hier eine Burg und eine Stadt zu errichten. Vytautas der Große (1350 bis 1430) führte das Großfürstentum Litauen Ende des 14. Jahrhunderts zur größten Flächenausdehnung — von der Ostsee bei Klaipėda bis zum Schwarzen Meer bei Odessa. Diese Großmacht-Phase ist das identitätsstiftende Geschichtskapitel Litauens, der Gediminas-Turm ist Wahrzeichen und Symbol zugleich.
Gediminas-Turm und obere Burg
Der Gediminas-Turm (Gedimino bokštas) auf dem 48 Meter hohen Burghügel ist letzter Rest der oberen Burg des Großfürstentums Litauen. Der achteckige rote Backsteinturm aus dem 14. Jahrhundert ist 20 Meter hoch und beherbergt eine Außenstelle des Litauischen Nationalmuseums mit Modellen und Waffen aus der Großfürsten-Zeit. Vom Dach reicht der Blick über die gesamte UNESCO-Altstadt. Eintritt 5 Euro, täglich 10 bis 18 Uhr, erreichbar über den Fußweg oder die Standseilbahn Funikulierius.
Vilnius-Kathedrale und Königsgruft
Die Vilnius-Kathedrale (Vilniaus arkikatedra bazilika) am Kathedralenplatz ist das geistliche Zentrum Litauens. Der heutige klassizistische Bau nach Plänen von Laurynas Gucevičius entstand 1783 bis 1801 an der Stelle eines heidnischen Heiligtums des Donnergottes Perkūnas. In der Königskapelle ruhen Vytautas der Große, Königin Barbara Radziwiłł und das Herz des polnisch-litauischen Königs Władysław IV. Vor der Kathedrale erhebt sich der freistehende 57 Meter hohe Glockenturm. Auf dem Vorplatz markiert die Stebuklas-Bodenkachel den Startpunkt des Baltischen Wegs vom 23. August 1989.
Palast der Großfürsten Litauens
Der Palast der Großfürsten Litauens (Valdovų rūmai) hinter der Kathedrale ist Rekonstruktion des Renaissance-Residenzpalasts der Gediminas-Dynastie. Der Originalpalast wurde 1801 von der russischen Besatzung abgerissen, der Wiederaufbau auf archäologischen Fundamenten erfolgte 2002 bis 2018. Vier Flügel mit Innenhof zeigen Säle der Renaissance- und Barockzeit, archäologische Ausstellungen zum Großfürstentum. Eintritt 7 Euro, Di bis So 10 bis 18 Uhr.
Litauisch-Polnische Union 1569 und Goldenes Zeitalter
Die Union von Lublin am 1. Juli 1569 vereinte das Großfürstentum Litauen und das Königreich Polen zur Rzeczpospolita Obojga Narodów — der Republik beider Nationen, einer der größten und ältesten Mehrvölker-Staatsgemeinschaften Europas mit eigenem Adelsparlament Sejm und gewähltem König. Diese Union prägte Vilnius bis zur dritten polnischen Teilung 1795. Die polnisch-litauische Phase brachte religiöse Toleranz für Katholiken, Orthodoxe, Protestanten, Juden und Karäer sowie die Gründung der Universität 1579. Polnisch wurde Sprache des Adels, Litauisch blieb Sprache des bäuerlichen Landes — diese Sprachpolitik wirkt bis ins 20. Jahrhundert nach, als Vilnius zwischen 1920 und 1939 polnisch verwaltet (Wilno) und Kaunas litauische Hauptstadt war.
Universität Vilnius — gegründet 1579
Die Universität Vilnius (Vilniaus universitetas) wurde am 1. April 1579 von König Stephan Báthory als Jesuitenkolleg gegründet und ist eine der ältesten Universitäten Mittel- und Osteuropas. Der Campus zwischen Universiteto, Pilies und Sv. Jono erstreckt sich über 13 historische Innenhöfe — Großer Hof mit Sankt-Johannes-Kirche, Sarbievijus-Hof, Sapieha-Hof, Czartoryski-Hof und Astronomie-Hof mit Observatorium aus dem 18. Jahrhundert. Im Großen Hof ragt der Glockenturm 68 Meter empor und ist von April bis Oktober besteigbar. Die Universitätsbibliothek im Smuglevičius-Saal beherbergt die älteste litauische Druckschrift Catechismus von Martynas Mažvydas (1547). Eintritt 1,50 Euro, Mo bis Sa 9 bis 18 Uhr.
Sankt-Johannes-Kirche im Universitäts-Hof
Die Sankt-Johannes-Kirche (Šv. Jonų bažnyčia) im Großen Universitäts-Hof gilt als eines der schönsten Barock-Ensembles Litauens. Die Kirche wurde 1426 gegründet, der heutige Bau entstand 1738 bis 1749 nach Plänen von Johann Christoph Glaubitz, dem führenden Barock-Architekten Litauens. Der spätbarocke Hauptaltar mit zehn Säulen und vergoldeten Heiligenfiguren ist Höhepunkt der Vilnius-Barock-Schule. Der 68 Meter hohe Turm im Hof ist begehbar.
Sakrale Schlüsselbauten — von der Gotik bis zum Vilnius-Barock
Die UNESCO-Altstadt von Vilnius zählt rund 65 Kirchen verschiedener Konfessionen auf 360 Hektar — eine der höchsten sakralen Dichten Europas und Erbe der religiösen Toleranz der polnisch-litauischen Union. Drei Hauptstile prägen das Stadtbild — Backsteingotik des 15. und 16. Jahrhunderts, Vilnius-Barock des 17. und 18. Jahrhunderts mit Doppelturm-Schema, Klassizismus nach 1780.
Sankt-Anna-Kirche — die Kirche, die Napoleon nach Paris tragen wollte
Die Sankt-Anna-Kirche (Šv. Onos bažnyčia) an der Maironio-Straße ist Meisterwerk der Backsteingotik und das wohl bekannteste Postkartenmotiv von Vilnius. Der zwischen 1495 und 1500 errichtete Bau verwendet 33 verschiedene Backstein-Profile — eine handwerkliche Glanzleistung des litauischen Mittelalters. Die schmale dreigliedrige Fassade mit den drei filigranen Türmen ist 22 Meter breit. Eine Legende erzählt, Napoleon Bonaparte habe 1812 auf dem Russlandfeldzug vor dieser Kirche gestanden und gesagt, er würde sie gerne auf seiner Hand nach Paris tragen. Tatsächlich diente die Sankt-Anna seiner Kavallerie als Stall. Eintritt frei, täglich 10 bis 18 Uhr.
Bernhardinerkirche und Franziskanerkloster
Direkt neben der Sankt-Anna steht die Bernhardinerkirche (Šv. Pranciškaus Asyžiečio bažnyčia), eine spätgotische dreischiffige Backsteinhalle der Bernhardiner-Franziskaner aus den Jahren 1469 bis 1516 — eine der größten Gotik-Kirchen Litauens. Die Innenraum-Polychromie mit spätgotischen Fresken wurde unter Putzschichten des Barocks wiederentdeckt und nach 1990 restauriert. Napoleon nutzte den Komplex 1812 als Kaserne. Heute gehört das Ensemble wieder den Franziskanern. Eintritt frei, Mo bis Sa 7:30 bis 18:30 Uhr.
Tor der Morgenröte mit der Schwarzen Madonna
Das Tor der Morgenröte (Aušros vartai) am südlichen Ende der Altstadt ist letzter erhaltener Rest der einstigen Stadtbefestigung von neun Toren des 16. Jahrhunderts. Über dem Tor wurde 1671 eine Marienkapelle eingerichtet, in der das Gnadenbild der Schwarzen Madonna von Vilnius (Aušros vartų Dievo Motina) verehrt wird — eine Ikone aus dem frühen 17. Jahrhundert auf Eichenholz-Tafel von 200 Zentimetern Höhe mit Silberblech-Auflage. Die Schwarze Madonna gilt als eine der wichtigsten Marienikonen Mittel-Osteuropas und ist Wallfahrtsziel polnischer, litauischer und weißrussischer Katholiken. Täglich 6 bis 19 Uhr, Eintritt frei.
Die wichtigsten Geschichtsorte im Überblick
Gediminas-Turm
Letzter Rest der oberen Burg auf 48 Meter Burghügel, 14. Jahrhundert. Symbol des Großfürstentums, beste Aussicht über die UNESCO-Altstadt. Eintritt 5 Euro.
Vilnius-Kathedrale
Klassizistischer Bau 1783 bis 1801 von Laurynas Gucevičius. Königsgruft mit Vytautas und Barbara Radziwiłł. Stebuklas-Kachel markiert Start des Baltischen Wegs 1989.
Universität 1579
Älteste Universität Litauens, gegründet von König Stephan Báthory. 13 historische Innenhöfe, Smuglevičius-Bibliothek, 68-Meter-Turm. Eintritt 1,50 Euro.
Sankt-Anna-Kirche
Backsteingotik 1495 bis 1500 mit 33 verschiedenen Profilen. Postkartenmotiv von Vilnius. Napoleon hätte sie gerne nach Paris getragen. Eintritt frei.
Tor der Morgenröte
Aušros vartai mit der Schwarzen Madonna in der Marienkapelle von 1671. Letzter Rest der Stadtbefestigung. Wallfahrtsziel Mittel-Osteuropas.
KGB-Museum
Museum für Okkupationen und Freiheitskämpfe in der Gedimino-Allee 40. Originale Verhörzellen, Hinrichtungskeller. Eintritt 6 Euro, Mi bis So.
Vilnius als Jerusalem des Nordens — aschkenasisches Erbe
Vilnius war vom späten 16. Jahrhundert bis 1941 eines der größten Zentren aschkenasischer jüdischer Kultur in Europa — daher der Beiname Jerusalem des Nordens oder Litauen-Jerusalem (Lite jeruschalajim). 1572 ließen sich die ersten jüdischen Familien auf Einladung der polnisch-litauischen Krone in der Stadt nieder, 1939 lebten rund 60.000 Juden in Vilnius — etwa ein Drittel der Stadtbevölkerung. Die jüdische Vilner Welt war Zentrum der religiösen Gelehrsamkeit des Misnaged-Strangs gegen die mystische Chassidim-Bewegung, mit dem Gaon von Wilna (Elija ben Salomon Salman, 1720 bis 1797) als geistigem Oberhaupt. Vilnius war Geburtsort des YIVO-Instituts für jüdische Forschung 1925. Über 100 Synagogen, Talmud-Schulen, jiddische Verlage und Theater prägten die Altstadt.
Die Große Synagoge von Vilnius — Spurensuche
Die Große Synagoge von Vilnius (Didžioji Vilniaus sinagoga) am heutigen Vokiečių-Platz war zwischen 1572 und 1942 das geistliche Zentrum der jüdischen Gemeinde — die Außenfassade bescheiden, der Innenraum dreifach übereinander mit zwei Frauen-Galerien, prächtiger Holzschnitzerei und barockem Toraschrein. Die Synagoge wurde 1942 von der deutschen Besatzung beschädigt und 1957 von der sowjetischen Stadtverwaltung gesprengt. Seit 2012 finden archäologische Grabungen statt, Fundamente und Teile des Toraschreins wurden freigelegt. Im benachbarten Viertel erinnern Žydų-Straße (Judenstraße) und Mėsinių-Straße an das Gemeinde-Zentrum vor 1941.
Vilnius-Gaon-Museum und jiddische Spurensuche
Das Vilnius-Gaon-Museum für jüdische Geschichte (Vilniaus Gaono žydų istorijos muziejus) erstreckt sich über mehrere Standorte. Das Tolerance Center in der Naugarduko-Straße zeigt die Vielfalt des jüdischen Vilnius vor 1941 — YIVO-Institut, jiddische Theater, Vilner Truppe. Das Holocaust-Museum in der Pamėnkalnio-Straße dokumentiert die deutsche Besatzung 1941 bis 1944. Eintritt pro Standort 5 Euro, kombiniert 12 Euro, Mo bis Do 10 bis 18 Uhr.
Ponary — Erinnerung an den Holocaust
Ponary (Paneriai) ist ein bewaldeter Vorort 10 Kilometer südwestlich von Vilnius und einer der schlimmsten Mordorte des Holocaust in Litauen. Zwischen Juli 1941 und Juli 1944 wurden hier von SS-Einsatzgruppen und litauischen Hilfskräften rund 70.000 Jüdinnen und Juden aus dem Vilnaer Ghetto, 20.000 Polinnen und Polen, Soldaten der Roten Armee sowie Roma erschossen — die meisten in vorhandenen sowjetischen Treibstoff-Gruben. Die Gedenkstätte mit Gedenksteinen, Museum und Pfaden durch das Waldgelände wurde 1948 errichtet und nach 1990 mehrfach erneuert. Anreise per Regionalzug zur Station Paneriai in 12 Minuten, von dort 1,5 Kilometer Fußweg. Eintritt frei, Museum Mi bis So 10 bis 17 Uhr.
KGB-Terror und Singende Revolution — das 20. Jahrhundert
Litauen verlor seine 1918 erkämpfte Unabhängigkeit im Sommer 1940, als die Sowjetunion das Land im Geheimprotokoll des Hitler-Stalin-Pakts annektierte. Es folgten zwei Besatzungen — sowjetisch 1940 bis 1941, deutsch 1941 bis 1944, wieder sowjetisch 1944 bis 1990. Massendeportationen nach Sibirien (rund 130.000 Litauerinnen und Litauer 1941 bis 1953), Verfolgung des bewaffneten Wald-Brüder-Widerstands (rund 50.000 Partisanen) und KGB-Terror prägten Vilnius bis zum 11. März 1990, als das Parlament als erste Sowjet-Teilrepublik die Unabhängigkeit erklärte. Die Singende Revolution mit Sąjūdis-Massendemonstrationen ab August 1988, dem Baltischen Weg vom 23. August 1989 und den Barrikaden-Tagen im Januar 1991 vor dem Fernsehturm — als sowjetische Truppen 14 unbewaffnete Menschen erschossen — schrieb litauische Geschichte als gewaltfreien Widerstand.
KGB-Museum (Museum für besetzte Häuser und Freiheitskämpfe)
Das Museum der Okkupationen und Freiheitskämpfe (Okupacijų ir laisvės kovų muziejus), umgangssprachlich KGB-Museum, in der Gedimino-Allee 40 ist Pflichtprogramm für jeden Vilnius-Geschichtsbesuch. Das Gebäude diente von 1944 bis 1991 als zentrales KGB-Hauptquartier Litauens — Verhöre, Folter und Hinrichtungen fanden im Keller statt. Heute sind die originalen Verhörzellen, der Hinrichtungskeller mit Patronenhülsen am Boden, die Isolationszellen mit Stehwasser und die KGB-Funkzentrale begehbar. Das obere Stockwerk zeigt Ausstellungen zum Wald-Brüder-Widerstand 1944 bis 1953, zu den Sibirien-Deportationen und zur Singenden Revolution. Eintritt 6 Euro, Audio-Guide auf Deutsch, Mi bis So 10 bis 18 Uhr.
Fernsehturm und Januar-Opfer 1991
Der Vilnius-Fernsehturm im Stadtteil Karoliniškės wurde 1980 erbaut und ist mit 326,5 Metern das höchste Bauwerk Litauens. Am 13. Januar 1991 marschierten sowjetische Spezialeinheiten und Panzer hier auf, um die Unabhängigkeitserklärung durch Besetzung der Sendeanlagen zu brechen. Zehntausende unbewaffnete Litauerinnen und Litauer bildeten eine Menschenkette — 14 wurden erschossen, über 700 verletzt. Heute erinnert ein Mahnmal mit den 14 Gesichtern am Turmfuß an die Opfer, die Aussichtsetage in 165 Meter Höhe ist begehbar. Eintritt 12 Euro, täglich 10 bis 22 Uhr.
Sąjūdis und Baltischer Weg
Sąjūdis war die litauische Volksbewegung, die im Juni 1988 gegründet wurde und die Unabhängigkeit zum Programmpunkt machte. Vytautas Landsbergis als Vorsitzender wurde 1990 erster Staatschef des unabhängigen Litauens. Der Baltische Weg am 23. August 1989 — 50 Jahre nach dem Hitler-Stalin-Pakt — war die gemeinsame Aktion der drei baltischen Volksbewegungen — rund 2 Millionen Menschen reichten sich auf 670 Kilometern von Tallinn über Riga bis Vilnius die Hände. Die Stebuklas-Kachel auf dem Kathedralenplatz markiert den Startpunkt der litauischen Kette.
Užupis — die autonome Künstlerrepublik mit eigener Verfassung
Užupis östlich der Altstadt auf dem rechten Vilnia-Ufer ist ein Stadtteil mit eigener Verfassung — ein autonomer Stadtteilstaat innerhalb von Vilnius. Das Viertel war bis 1990 ein verfallener Hinterhof der Altstadt, von jüdischer Tradition geprägt und nach dem Krieg vernachlässigt. Ab den 1990er-Jahren siedelten sich Künstler, Musiker und Schriftsteller in den verfallenen Häusern an. Am 1. April 1997 rief eine Gruppe um Künstler Tomas Čepaitis und Bürgermeister Romas Lileikis die Republik Užupis als humoristische Aktion mit ernstem Hintergrund aus. Heute zählt das Viertel rund 7.000 Bewohner, hat einen Staatspräsidenten, einen Premierminister, ein Parlament und ein 12-Mann-Heer (alles ehrenamtlich). Höhepunkt ist der Užupis-Tag am 1. April mit Grenzkontrollen und Pass-Stempeln.
Die Verfassung von Užupis
Die Verfassung von Užupis (Užupio konstitucija) wurde 2002 verfasst und an einer Hauswand der Paupio-Straße auf 25 Sprachen-Tafeln aus Glas und Metall gemeißelt — Litauisch, Englisch, Französisch, Deutsch, Russisch, Polnisch, Hebräisch und weitere. Sie enthält 41 Artikel von absurder Tiefe — Artikel 1 (Jeder Mensch hat das Recht, am Fluss Vilnia zu leben), Artikel 12 (Ein Hund hat das Recht, ein Hund zu sein), Artikel 16 (Jeder hat das Recht, glücklich zu sein), Artikel 25 (Jeder Mensch hat das Recht, seinen Geburtstag zu feiern oder auch nicht).
Engel von Užupis und Atelier-Szene
Der bronzene Engel von Užupis (Užupio angelas) an der Kreuzung Užupio und Malūnų wurde 2002 von Bildhauer Romas Vilčiauskas geschaffen und ist das Symbol des Stadtteils — mehr als 5 Meter hoch, mit Trompete auf einer Säule, Schutzpatron der freien Kunst. Rund um den Platz reihen sich Galerien — die Užupis Art Incubator, die Atelier Galerija, das Cafe Užupio kavinė. Im Süden steht der Tibet Square mit goldener Buddha-Statue als Hinweis auf die Schwesterstadt-Partnerschaft mit Dharamshala in Indien.
Halle der Gemüse — Halės turgus
Die Halle der Gemüse (Halės turgus) an der Pylimo-Straße am südwestlichen Altstadtrand ist Vilniusʼ traditionelle Markthalle. Der Bau im neoklassizistischen Stil entstand 1906 unter russischer Zarenverwaltung, die freitragende Eisenkonstruktion mit Glasdach und Backsteinmauern war damals technische Avantgarde. Auf 2.700 Quadratmetern verkaufen rund 200 Händler Gemüse, Obst, Fleisch, Fisch, Brot, Honig und Bernsteinwaren — vom Roggenbrot (Juoda duona) über geräucherten Aal aus dem Kurischen Haff bis zu eingelegten Steinpilzen aus den Wäldern um Druskininkai. Di bis Sa 7 bis 17 Uhr, So 7 bis 15 Uhr.
Geschichts-Schichten von Vilnius im Vergleich
Vilnius erschließt sich aus der Schichtung — wer einen Tag im Gediminas-Turm und der Vilnius-Kathedrale verbringt, einen halben Tag im KGB-Museum und einen Nachmittag in Užupis, hat die sieben Jahrhunderte litauischer und europäischer Geschichte in 360 Hektar UNESCO-Altstadt durchquert.
Praktische Tipps für die Vilnius-Zeitreise
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Euro seit Januar 2015
Litauen gehört seit dem 1. Januar 2015 zur Eurozone, Kartenzahlung funktioniert überall — sogar in der Halle der Gemüse. Bargeld für Trinkgeld und kleine Bäckereien. Geldautomaten am Kathedralenplatz und entlang der Gedimino-Allee.
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Burg zuerst, Altstadt danach
Wer früh am Vormittag den Gediminas-Turm besucht, gewinnt zuerst den Überblick über die Schichtung der Altstadt. Erst dann lohnt der Abstieg ins Detail — Vilnius-Kathedrale, Universität, Sankt-Anna und Tor der Morgenröte.
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KGB-Museum mit Audio-Guide
Das Museum der Okkupationen braucht zwei bis drei Stunden und einen Audio-Guide auf Deutsch (im Eintritt enthalten). Verhörzellen und Hinrichtungskeller sind harte Kost — Kinder unter 12 sollten draußen bleiben. Eintritt 6 Euro, Mi bis So 10 bis 18 Uhr.
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Ponary mit Bahn oder Tour
Ponary (Paneriai) liegt 10 Kilometer südwestlich, Anreise per Regionalzug zur Station Paneriai in 12 Minuten und 1,5 Kilometer Fußweg. Geführte Touren mit Vilnius-Gaon-Museum buchbar für 25 Euro, Sa und So 14 Uhr. Übersicht aktueller Führungen auf govilnius.lt.
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Vilnius City Card für drei Tage
Die Vilnius City Card deckt freien Eintritt in über 20 Museen und ÖPNV ab — 24 h für 22 Euro, 72 h für 36 Euro. Lohnt ab drei Museen pro Tag, erhältlich an der Touristen-Information am Rathaus und am Kathedralenplatz.
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Sprache und Verständigung
Amtssprache Litauisch, Russisch bei der älteren Bevölkerung verbreitet, Polnisch nahe der Grenze. Englisch in Hotels und Museen meist gut. Ačiū (Danke) und Laba diena (Guten Tag) öffnen jede Tür.
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Beste Reisezeit Mai bis September
Juni und Juli sind die wärmsten Monate mit 20 bis 23 Grad und Sonnenuntergang nach 22 Uhr. Mai und September angenehm und ruhiger. Winter kühl mit Schnee, dafür Adventsmarkt am Kathedralenplatz. Saisonale Festivals auf govilnius.lt gelistet.
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Tagestrip nach Trakai
Die Wasserburg Trakai auf der Insel im Galvė-See, 28 Kilometer westlich, war Residenz von Vytautas dem Großen und ist Pflichtprogramm. Regionalzug in 30 Minuten für 1,80 Euro pro Strecke. Kibinai am See gehört dazu.
Insider-Tipps
Cepelinai und kulinarische Klassiker
Cepelinai (Zeppeline) sind das litauische Nationalgericht — große Kartoffelklöße aus geriebenen rohen Kartoffeln, gefüllt mit Hackfleisch oder Quark, in der Form eines Luftschiffs und übergossen mit Speckwürfeln, saurer Sahne und gerösteten Zwiebeln. Weitere Klassiker — Šaltibarščiai (kalte Rote-Bete-Suppe mit Kefir-Buttermilch), Kibinai (Karäer-Teigtaschen aus Trakai), Kepta duona (frittierte Roggenbrot-Stäbchen), Šakotis (Spießkuchen) und Midus (Honigwein nach mittelalterlichem Rezept). Empfohlene Restaurants — Etno Dvaras, Senoji Trobelė, Forto Dvaras.
Adventszeit und Weihnachtsmarkt am Kathedralenplatz
Der Vilnius-Adventsmarkt am Kathedralenplatz zwischen Ende November und Anfang Januar gehört zu den schönsten Mittel-Osteuropas. Der 27 Meter hohe Weihnachtsbaum vor der Kathedrale wird seit 2015 jedes Jahr von einer anderen Designerin gestaltet — 2017 als Wäscheständer aus 6.000 Kilometern Lichtschlauch, 2019 als Origami-Drahtgeflecht. Rund 50 Stände verkaufen Glühwein, gebrannte Mandeln, Šakotis-Baumkuchen, Bernsteinwaren und Strohhalm-Sterne. Eislaufbahn im Bernardinai-Park nebenan.




