Eisklettern ist eine vergleichsweise junge Disziplin — ihre Wurzeln liegen in der Bergsteigerkultur des spaeten 19. Jahrhunderts, doch erst zwischen 1929 und 1970 wurde es zur eigenstaendigen Sportart. Vier Material-Spruenge praegen die Entwicklung: 1929 die Frontalzacken-Steigeisen von Laurent Grivel, 1969 der gebogene Pickel von Yvon Chouinard, 1971 das Hummingbird-Werkzeug von Salewa und ab 2000 die ergonomischen Wettkampf-Eisgeraete wie Petzl Nomic. Heute ist Eisklettern offizielle UIAA-Disziplin mit eigenem IFSC-Weltcup seit dem Jahr 2000, und seit 2014 bemueht sich der Verband um Aufnahme ins olympische Programm.
Die fuenf Epochen des Eiskletterns im Vergleich
Material, Technik und Athletentyp haben sich in fuenf grossen Schritten gewandelt. Die Tabelle zeigt jede Epoche mit Schluessel-Ausruestung, charakteristischer Bewegung und ikonischer Persoenlichkeit.
Jede Epoche ueberlappt mit der naechsten — Mixed-Aera und Wettkampf-Zeit laufen parallel weiter. Klassisches WI-Klettern ohne Mixed-Anteil bleibt die populaerste Spielart.
Schluesselmomente und Material-Spruenge
Eckenstein-Steigeisen, 1908
Der britische Bergsteiger Oscar Eckenstein entwarf 1908 die ersten standardisierten 10-Zacken-Steigeisen. Sie ersetzten die unterschiedlichen Improvisationen einzelner Schmiede in den Alpen. Erstmals konnten Bergsteiger ueber kurze Steileis-Passagen ohne Stufenhauen.
Grivel-Frontalzacken, 1929
Der italienische Bergfuehrer Laurent Grivel in Courmayeur ergaenzte die Eckenstein-Konstruktion 1929 um zwei vorstehende Frontal-Zacken. Damit liess sich direktes Frontal-Klettern in steilem Eis durchfuehren — Grundlage des modernen Eiskletterns.
Chouinard-Pickel, 1969
Der amerikanische Bergsteiger Yvon Chouinard fuehrte 1969 den gebogenen Eispickel ein. Die Kruemmung der Hacke verbesserte den Halt in hartem Eis dramatisch — was zuvor mit geraden Pickeln nur per Stufenhauen ging, war jetzt mit direkten Schlaegen moeglich.
Hummingbird, 1971
Die oesterreichische Firma Salewa brachte 1971 das Hummingbird-Werkzeug heraus — ein Eispickel speziell fuer steiles Wasserfall-Eis. Erste reine Eiskletter-Geraete ohne Doppelnutzung als Hochtouren-Pickel. Salewa praegte die europaeische Eiskletter-Aera mit.
V-Thread, 1980er
Die V-Thread-Technik (auch Abalakov-Anker nach dem sowjetischen Bergsteiger Vitaly Abalakov) etablierte sich in den 1980ern als Standard-Abseil-Anker. Zwei in einem 60-Grad-Winkel ins Eis geschraubte Eisschrauben bohren ein V, das mit einer Schlinge versehen wird.
Petzl Nomic, 2006
Das Petzl Nomic-Eisgeraet (Schoepfer Stefan Glowacz) revolutionierte 2006 das technische Eisklettern. Stark gebogener Schaft und Hooking-Spitze ermoeglichen ergonomisches Klettern in steilster Wand und am Mixed-Fels. Heute De-facto-Standard im Wettkampf und im hohen Grad.
Geschichte als Hauptachse
Pionier-Zeit (1865 bis 1929)
Eisklettern entstand nicht als eigene Disziplin, sondern als Notwendigkeit waehrend Hochgebirgs-Erstbesteigungen. Edward Whympers Matterhorn-Erstbegehung 1865 enthielt Eis-Passagen, die durch Stufenhauen ueberwunden wurden. Die Pickel waren lange Holzwerkzeuge mit gerader Hacke, primaer zum Stufen-Schlagen gedacht. Der Britische Bergsteiger Oscar Eckenstein revolutionierte 1908 mit standardisierten 10-Zacken-Steigeisen die Methodik — erstmals war direkte Frontal-Begehung kurzer Steileis-Strecken moeglich, anstatt jeder Schritt eine geschlagene Stufe.
Frontalzacken-Aera (1929 bis 1969)
1929 ergaenzte Laurent Grivel die Eckenstein-Konstruktion in seiner Schmiede in Courmayeur um zwei nach vorne stehende Zacken. Das ermoeglichte das Klettern in vertikalem Eis ohne Stufenhauen — die eigentliche Geburt des modernen Eiskletterns. In den 1930ern entstanden die ersten dezidierten Eiskletter-Routen, etwa die Eiger-Nordwand-Erstbegehung 1938 (Heckmair, Voerg, Harrer, Kasparek). Die Pickel wurden kuerzer (60 bis 70 cm), behielten aber die gerade Hacke.
Curved-Pick-Aera (1969 bis 1990)
1969 entwarf Yvon Chouinard in Kalifornien den ersten gebogenen Eispickel. Die Kruemmung der Hacke erhoehte den Halt in hartem Eis dramatisch — wo zuvor Stufenhauen noetig war, reichte jetzt ein direkter Schlag. Die Disziplin explodierte: in Colorado wurde 1974 Bridalveil Falls als erste WI6-Linie kletterbar gemacht, in Schottland entstanden die Mixed-Pioniere, in den Alpen die ersten Wasserfall-Kletter-Reviere Cogne, Kandersteg und Chamonix. Mitte der 1980er Jahre wurde die WI-Skala (Water Ice) standardisiert.
Mixed-Aera (1990 bis heute)
In den 1990ern verschmolzen Eis- und Felsklettern: an Routen mit Wechsel von Wasserfall-Eis zu nacktem Fels wurden Eisgeraete erstmals auch im Fels eingesetzt. Der Amerikaner Jeff Lowe legte 1994 die Octopussy (M8) in Vail, Colorado — die Geburtsstunde der Mixed-Skala (M1 bis M14). Steve House dehnte das Konzept 2003 mit Power of Now zu WI7/M8 aus. Heute ist Mixed eine eigene Spielart mit eigenen Wettkampf-Formaten.
Wettkampf-Aera (2000 bis heute)
Im Jahr 2000 organisierte die UIAA in Pitztal die erste Eiskletter-Welt-Cup-Veranstaltung. Seit 2010 betreut die IFSC die Wettkampf-Serie. Disziplinen sind Lead (technische Schwierigkeit, eine Route) und Speed (Zeit-Wettkampf an einer standardisierten Route). Der Verband bemueht sich seit 2014 um Aufnahme ins olympische Programm — bisher ohne Erfolg, aber 2026 in Italien wird Eisklettern als Demonstrations-Disziplin gezeigt.
Praktische Tipps fuer das Geschichts-Studium
- i Primaerquellen: Jeff Lowes Buch Ice World (1996) ist die meistzitierte Geschichts-Aufarbeitung der englischsprachigen Welt. Will Gadds modernes Pendant How to Ice Climb (2002) deckt die Mixed-Aera ab.
- ✦ Filmempfehlung: The Alpinist (2021, Marc-Andre Leclerc) zeigt moderne Solo-Eiskletter-Pioniere. Klassiker ist Frozen Worlds (1993) mit Jeff Lowe als Erzaehler — schwer zu finden, lohnt sich auf YouTube-Archiv.
- + Museum-Tipp: Das Alpine Museum in Bern hat eine umfangreiche Sammlung historischer Eisaexte und Steigeisen — von Eckenstein-Original bis zum Chouinard-Pickel. Eingang ueber den Helvetiaplatz, geoeffnet ganzjaehrig.
- ⌘ Veranstaltungs-Kalender: Die Mountainfilm Festivals in Telluride (USA) und Trento (Italien) zeigen jaehrlich historische und aktuelle Eiskletter-Dokus. Eintrittspreis im Festival-Pass-Modus.
- € Sammler-Material: Originale Chouinard-Pickel aus den 1970ern werden auf Sammlermaerkten fuer 600 bis 1.200 USD gehandelt. Grivel-Steigeisen der ersten Generation sind seltener, oft nur ueber Auktionen erhaeltlich.
- ⚓ Wettkampf-Live: Die IFSC-Eiskletter-Weltcup-Wochenenden werden ueber den IFSC-YouTube-Kanal kostenlos uebertragen. Saison-Hoehepunkt ist meist die Veranstaltung in Saas-Fee Mitte Januar.
Insider-Tipps
Erstbesteigungen als Trainings-Lektuere
Die Vorbereitung auf eine schwierige Eis-Linie wird durch das Studium der Erstbesteigungsgeschichte effizienter. Was Jeff Lowe in den 1970ern an klassischer Eisbergsteigerei dokumentierte, gilt heute noch — die Bedingungs-Beobachtung, Sicherheits-Beurteilung und Material-Pflege haben sich seit 50 Jahren nur graduell veraendert. Wer Lowes Beschreibung einer Bridalveil-Falls-Begehung mit der eigenen Tour vergleicht, lernt mehr ueber Eisklettern als aus einer modernen Technik-Video-Serie.
Stilfortschritt durch Material-Test
Eine spannende Selbsterfahrung ist das Klettern mit historischer Ausruestung. Bergsport-Schulen in Chamonix und Cogne bieten gelegentlich Workshops mit nachgebauten 1970er-Pickeln und 12-Zacken-Steigeisen. Eine WI3-Linie mit Equipment dieser Aera erfordert deutlich mehr Kraft und Konzentration als mit modernen Geraeten — die Wertschaetzung fuer das aktuelle Material steigt schlagartig.
Anschluss-Themen und naechste Schritte
Aktuelle Wettkampf-Disziplin
Wer die historische Tiefe verstanden hat, kann den aktuellen Wettkampf-Sport verfolgen. Der IFSC-Eiskletter-Weltcup laeuft jaehrlich November bis Februar an sechs bis acht Austragungsorten in Europa, Asien und Nordamerika. Lead und Speed sind die zwei Disziplinen — Lead zeigt am ehrlichsten den Fortschritt der technischen Schwierigkeit, Speed die Athletik.
Drytooling als Sommer-Variante
Wer die Eis-Saison verpasst hat, kann Drytooling-Sektoren im Sommer besuchen. Eptingen in der Schweiz und Falsetto in Tirol sind die wichtigsten Trainings-Reviere Mitteleuropas. Drytooling-Routen sind ganzjaehrig kletterbar und ein optimales Trainings-Mittel fuer die Mixed-Saison.
Hochalpine Anwendung
Wer aus dem reinen Wasserfall-Klettern weiterwachsen will, geht zum Hochgebirgs-Eisklettern. Klassiker wie die Cosmiques-Eisrinne in Chamonix oder die Eiger-Nordwand erfordern alle Techniken — Wasserfall-Eis, Mixed-Passagen, Hochtouren-Routine. Logische Fortsetzung der Disziplin.


