Die estnische Küche zählt zu den unterschätzten Esskulturen Nordeuropas und spiegelt eine eigene Mischung aus baltischen Bauerntraditionen, hanseatischen Einflüssen aus Tallinn und Tartu, deutsch-baltischer Gutsherrenküche und der jungen nordischen New-Nordic-Bewegung. Auf rund 45.000 Quadratkilometern zwischen Ostsee, Peipussee und dem Festland Lettlands prägen kurze Sommer, kalte Winter, Moore, Mischwälder und mehr als 2.000 Inseln den Speiseplan. Schwarzes Roggenbrot, Schweinefleisch, Kartoffeln, Hering, Buchweizen, Quark, Pilze und Wildbeeren ergeben eine handwerklich-direkte Bauernküche. In Tallinns Spitzenrestaurants NOA und Restoran Ö interpretieren junge Chefköche diese Wurzeln mit nordischer Technik neu, während auf dem Markt Balti Jaama Turg eine vibrierende Streetfood- und Produzentenszene entstanden ist. Wer acht bis zwölf Tage mitbringt, kombiniert Tallinn, Tartu, die Inseln Saaremaa und Hiiumaa, Bauernhof-Mahlzeiten und Pilz-Sammelgänge zu einer überraschend tiefgründigen Genussreise.
Anreise und Erreichbarkeit
Eine kulinarische Reise durch Estland startet fast immer in Tallinn, weil sich von der Hauptstadt aus alle wichtigen Schauplätze gut erreichen lassen - die Universitäts- und Restaurantstadt Tartu im Südosten, der Onega-See Peipus mit altgläubiger Russisch-Diaspora, die Inseln Saaremaa und Hiiumaa im Westen sowie das Bauernland um Mulgimaa und Setomaa. Für einen ersten Überblick zu Regionen, Festkalender und Erzeugern hilft die offizielle Reisedomain visitestonia.com mit Hintergrund zu Bauernhöfen, Brauereien und der jungen Tallinner Spitzenküche.
Mit dem Auto
Aus Mitteleuropa führt die Landanreise entweder über Polen, Litauen und Lettland auf der Via Baltica oder per Fähre aus Kiel und Stockholm nach Tallinn. Die Strecke ab Berlin über Warschau, Kaunas und Riga nach Tallinn beträgt rund 1.700 Kilometer und ist in zwei bis drei Tagesetappen gut machbar. Estland erhebt keine Pkw-Maut, die Autobahnen E20 und E67 sind gut ausgebaut. Wer Saaremaa besucht, nimmt die Fähre Virtsu nach Kuivastu mit Reservierung über praamid.ee, im Sommer sollte die Überfahrt für Pkw vorab gebucht werden.
Mit der Bahn und dem ÖPNV
Das estnische Bahnnetz Elron verbindet Tallinn mit Tartu, Pärnu, Narva und Viljandi in modernen Triebzügen. Die Fahrt Tallinn nach Tartu dauert rund zwei Stunden und kostet 12 bis 18 Euro. Fernbusse von Lux Express und Hansabuss decken alle größeren Städte ab und sind oft die schnellste Option zu den Inseln. Für gezielte Hof- und Brauereibesuche im Hinterland und auf Saaremaa und Hiiumaa reicht der ÖPNV jedoch nicht aus, dort ist ein Mietwagen klar von Vorteil.
Mit dem Flugzeug
Direktflüge nach Tallinn TLL gibt es ab Frankfurt, München, Berlin, Wien, Zürich, Helsinki und Stockholm, die Flugzeit aus Mitteleuropa beträgt knapp drei Stunden. Alternative Einstiegspunkte sind Helsinki Vantaa mit anschließender Schnellfähre Tallink oder Viking Line nach Tallinn in zwei Stunden sowie Riga mit anschließendem Mietwagen über die Via Baltica. Wer Tartu schwerpunktmäßig besucht, kann auch nach Tartu Ülenurme TAY mit kleinen Maschinen aus Helsinki einfliegen.
Vor Ort bewegen und Parken
In Tallinns Altstadt und in der Tartuer Innenstadt lohnt das Auto kaum, die wichtigen Adressen sind zu Fuß, per Tram oder Bus gut erreichbar. Tallinn hat zudem den Vorteil, dass der gesamte städtische ÖPNV für angemeldete Einwohner kostenfrei ist und für Touristen sehr günstig bleibt. Für Bauernhöfe auf dem Festland, Brauereien auf Saaremaa und Hiiumaa sowie Pilz- und Beerenwanderungen im Hinterland ist ein Mietwagen oder eine organisierte Tour notwendig. Parken in Tallinns Altstadt ist begrenzt, am Hafen und am Markt Balti Jaama Turg gibt es bewirtschaftete Flächen für 2 bis 4 Euro pro Stunde.
Die sechzehn Geschmacksstationen Estlands
Die folgenden sechzehn Stationen ergeben gemeinsam ein realistisches Bild der estnischen Küche zwischen rustikaler Bauerntradition und junger nordischer Spitzenküche. Sie reichen vom morgendlichen Schwarzbrot über Buchweizen-Püree, Hering und Blutwurst bis zu Quark-Riegeln, Kräuterlikör, Inselbier und der Tallinner Restaurantszene.
Mulgipuder - Buchweizen und Kartoffelpüree aus Mulgimaa
Mulgipuder ist das wichtigste Nationalgericht aus der Region Mulgimaa im Süden Estlands und gilt als kulinarisches Symbol der estnischen Bauernküche. Mehlig kochende Kartoffeln und Buchweizengrütze werden gemeinsam weich gekocht und anschließend zu einem dichten Püree gestampft. Serviert wird Mulgipuder klassisch mit angebratenem Speck, geschmorten Zwiebeln und einem Klecks saurer Sahne, dazu eingelegte Gurken und ein Glas Kali oder helles Lagerbier. In traditionellen Wirtshäusern in Viljandi und im Tartuer Stadtteil Supilinn kostet eine Portion 9 bis 14 Euro und gilt als sehr sättigendes Hauptgericht für kalte Tage.
Räimerullid - Heringsröllchen aus dem Finnischen Meerbusen
Räimerullid sind kleine eingelegte Heringsröllchen, gefüllt mit Zwiebeln, Karotten, Lorbeer, schwarzem Pfeffer und Senfkörnern, gerollt und in Essig-Marinade einige Tage durchgezogen. Der Hering Räim ist eine kleinere Variante des Ostseeherings, fettarm und besonders zart. Räimerullid werden klassisch zu schwarzem Roggenbrot, gekochten Pellkartoffeln und einem Schuss saurer Sahne gegessen, dazu passt ein klares Kümmel-Schnaps oder ein Saaremaa-Lagerbier. Auf dem Markt Balti Jaama Turg in Tallinn und am Pärnuer Hafen werden Räimerullid in mehreren Variationen frisch angeboten, 250 Gramm hausgemachte Qualität kosten 5 bis 9 Euro.
Verivorst - Blutwurst zum Weihnachtsfest
Verivorst ist die estnische Blutwurst und das wichtigste Gericht des Weihnachtsfestes Jõulud. In gereinigte Schweinedärme kommt eine Mischung aus Schweineblut, Gerste oder Graupen, gewürfeltem Speck, Zwiebeln, Majoran und Piment. Die Würste werden gekocht und anschließend in Butter goldbraun gebraten, traditionell serviert mit Sauerkraut Hapukapsas, Preiselbeerkompott und gebratenen Kartoffeln. Im Dezember führen alle besseren Wirtshäuser und Bauernhof-Restaurants Verivorst auf der Karte, eine Portion mit drei Würsten und Beilagen kostet 11 bis 17 Euro. In großen Familien werden mehrere Kilogramm Verivorst für das Weihnachtsfest selbst hergestellt.
Sült - Sülze aus Schweinshaxe und Hühnchen
Sült ist die estnische Sülze und ein weiteres traditionelles Festgericht der kalten Jahreszeit. Schweinshaxe, Schweinekopf oder Hühnchen werden mit Lorbeer, Piment, Pfeffer und Zwiebeln stundenlang ausgekocht, das Fleisch von Knochen gelöst und mit der reduzierten Brühe in flache Schalen gegossen. Im Kühlhaus geliert die Brühe zu einer durchsichtigen Sülze, in der Fleisch und Gemüsestücke eingeschlossen sind. Serviert wird Sült mit estnischem Senf, Meerrettich, Pellkartoffeln und schwarzem Roggenbrot. Eine Vorspeisenportion in einem Wirtshaus oder auf einem Bauernhof kostet 6 bis 10 Euro, klassisch dazu ein klares Kümmel-Schnaps.
Kama - das estnische Mehl-Mix-Frühstück
Kama ist eine uralte estnische Mehlmischung aus geröstetem Roggen, Gerste, Hafer und Erbsen, fein gemahlen und mit Buttermilch oder Joghurt verrührt. Das Pulver hat einen leicht nussigen, fast schokoladigen Geschmack und ist auf jedem traditionellen Frühstückstisch zu finden. Modern wird Kama auch als Dessert serviert, gemischt mit dickem Quark, Honig und frischen Beeren, oder als Topping über Sommerbeeren und Vanilleeis. Auf Märkten und in Reformhäusern kostet eine 500-Gramm-Packung Bio-Kama 4 bis 7 Euro. Junge Tallinner Chefköche wie in Restoran Ö nutzen Kama als Crumble-Element in nordischen Desserts.
Rosolje - der pinkfarbene Rote-Bete-Salat
Rosolje ist der estnische Klassiker unter den festlichen Vorspeisensalaten und auf jedem Geburtstags- und Festtagstisch zu finden. Klein gewürfelte Rote Bete, gekochte Kartoffeln, hartgekochte Eier, Salzgurken, Räucherhering oder roher Hering und Zwiebeln werden in einer Soße aus saurer Sahne, Senf und Essig vermischt und mehrere Stunden durchgezogen. Durch die Rote Bete bekommt der Salat seine charakteristische pinkrote Farbe. Eine 250-Gramm-Portion auf dem Markt Balti Jaama Turg kostet 4 bis 6 Euro, in Restaurants als Vorspeise 7 bis 11 Euro. Rosolje passt zu allem von schwarzem Roggenbrot bis zu Verivorst.
Pirukad - die estnischen Hefe-Pasteten
Pirukad sind kleine gefüllte Hefe-Pasteten und gehören zu den beliebtesten Snacks zwischen den Mahlzeiten. Der weiche Hefeteig wird zu Taschen gefaltet, gefüllt mit Hackfleisch und Zwiebeln, mit Kohl und gekochtem Ei oder süß mit Quark und Vanille. Anschließend werden Pirukad im Ofen goldbraun gebacken oder seltener auch frittiert. Klassische Adressen sind Bäckereien in der Tallinner Altstadt, das Cafe Werner in Tartu und die Pirukabar Pesa am Markt Balti Jaama Turg. Eine Pastete kostet 2 bis 4 Euro, dazu trinkt man Kali, schwarzen Tee oder einen einfachen Filterkaffee.
Schwarzes Roggenbrot Leib - das Herzstück der Bauernküche
Das schwarze Roggenbrot Leib ist das wichtigste Brot Estlands und Symbol der ländlichen Esskultur. Aus Sauerteig mit Roggen, Roggenschrot, Wasser, Salz und manchmal Kümmel oder Koriander entsteht ein dichtes, dunkles, leicht süßliches Brot mit ausgeprägter Kruste. Traditionell wird Leib im Holzofen auf Kohleblättern gebacken, die das Brot leicht rauchig würzen. In bäuerlichen Hofbäckereien rund um Otepää, Viljandi und auf Saaremaa wird Leib noch nach alten Familienrezepten hergestellt. Ein 800-Gramm-Laib kostet 3 bis 6 Euro, hält drei bis fünf Tage frisch und passt zu Hering, Sült, Räimerullid und Mulgipuder gleichermaßen.
Kohuke - der gefrorene Quark-Riegel
Kohuke ist eine estnische Süßigkeit der besonderen Art und auf jedem Supermarkt-Kühlregal zu finden. Süß gewürzter Quark wird zu kleinen Riegeln geformt, mit dunkler Schokolade überzogen und meist mit einem Geschmack wie Vanille, Kakao, Mohn, Schoko-Stückchen oder Beeren versehen. Anschließend wird der Riegel gekühlt verkauft und schmeckt am besten direkt aus dem Kühlschrank oder leicht angefroren. Marken wie Tere, Farmi und Alma führen über zwanzig Sorten, ein einzelner Kohuke kostet 0,60 bis 1,20 Euro. Estnische Auswanderer in Deutschland und Finnland gelten als wichtigste Kohuke-Botschafter im Ausland.
Vana Tallinn - der dunkle Kräuter-Rum-Likör
Vana Tallinn ist die wichtigste estnische Spirituose und gehört in jeden Tallinner Souvenir-Korb. Der seit 1962 produzierte Likör wird auf Basis von jamaikanischem Rum hergestellt und mit einer Mischung aus Vanille, Zitrusschalen, Zimt, Kardamom und weiteren Gewürzen aromatisiert. Der Alkoholgehalt liegt klassisch bei 40 oder 45 Volumenprozent, milder ist die Variante mit 35 Prozent und Sahne. Vana Tallinn wird pur auf Eis, im Kaffee, im warmen Kakao oder in Cocktails wie Vana Tallinn Sour getrunken. Eine 0,5-Liter-Flasche kostet im Tallinner Hafenshop 12 bis 18 Euro, eine Halb-Liter-Cremevariante ähnlich.
Saaremaa-Bier und estnische Hofbrauereien
Saaremaa-Bier ist ein traditionelles Bauernbier von der gleichnamigen Ostseeinsel und gilt als ältestes Bier-Erbe Estlands. Auf Höfen rund um Pihtla und Kuressaare wird seit Generationen ein leicht süßliches, schwach gehopftes Hausbier Koduõlu mit relativ niedrigem Alkoholgehalt von etwa 4 bis 5 Volumenprozent gebraut. Daneben gibt es industrielle Klassiker wie Saku, A. Le Coq und Põhjala mit Pale Ales, Porter und Imperial Stouts in moderner Craft-Beer-Qualität. Eine Brauereitour auf Saaremaa mit Verkostung von drei Bieren, einer Brotzeit und einem Hofrundgang dauert zwei bis drei Stunden und kostet 25 bis 45 Euro pro Person.
Tallinner Restaurantszene - NOA und Restoran Ö
Tallinn hat sich in den letzten fünfzehn Jahren zu einer der spannendsten Restaurantadressen Nordeuropas entwickelt. Restoran NOA liegt im Norden der Stadt direkt am Meer im Stadtteil Viimsi mit Blick über die Bucht von Tallinn auf die Altstadt-Silhouette. Restoran Ö im Stadtteil Kalamaja interpretiert estnische Wurzeln auf höchstem Niveau und gilt als Pionier der modernen baltischen Spitzenküche. Beide Häuser servieren Verkostungsmenüs mit acht bis zwölf Gängen, ausgewählte Produkte aus estnischen Wäldern, von Inseln und Höfen. Ein Menü mit Weinbegleitung kostet 130 bis 220 Euro pro Person, Reservierung mindestens zwei bis vier Wochen im Voraus.
Tartu Kuumkartulid - heiße Streetfood-Kartoffeln
Kuumkartulid sind eine Tartuer Spezialität und gehören zu den beliebtesten Streetfood-Snacks der Universitätsstadt. Große mehlig kochende Kartoffeln werden im Ofen oder auf dem Holzkohle-Grill weich gegart, der Länge nach aufgeschnitten und mit verschiedenen Toppings gefüllt - klassisch mit Schmand, gehackten Frühlingszwiebeln, geräuchertem Fisch oder Speck, modern auch mit Pilzragout, Kräuterquark oder Roter Bete. Auf dem Tartuer Bauernmarkt am Aida-Straße und am Sommer-Festival Tartu Maraton gibt es viele Stände mit Kuumkartulid, eine gefüllte Riesenkartoffel kostet 5 bis 9 Euro und ist ein vollwertiges Mittagessen.
Pilzsuche und Beerenpflücken im Wald
Mehr als die Hälfte der estnischen Landesfläche ist mit Wald bedeckt, vor allem Kiefern, Fichten und Birken auf sandigen Böden. Daraus ergibt sich eine der reichsten Pilz- und Beerenregionen Europas. Pfifferlinge Kukeseen, Steinpilze Kivipuravik, Maronen Pruun ja Punapuravik, Heidelbeeren, Preiselbeeren, Moosbeeren und Krähenbeeren werden zwischen Juli und Oktober gesammelt - auf Bauernhofebene seit Jahrhunderten Selbstverständlichkeit. Für Reisende bieten Bauernhöfe rund um Otepää und in der Region Soomaa geführte Pilz- und Beerentouren mit anschließendem Kochen am Hof, vier Stunden inklusive Mahlzeit kosten 45 bis 80 Euro pro Person.
Markt Balti Jaama Turg - das kulinarische Herz Tallinns
Der Markt Balti Jaama Turg neben dem Hauptbahnhof Balti Jaam im Stadtteil Kalamaja ist seit 2017 das wichtigste kulinarische Zentrum Tallinns. Auf drei Ebenen verteilen sich frische Hallen mit Fleisch, Fisch, Käse, Brot und Gemüse, Streetfood-Stände aus zwanzig Küchen, Mikrobrauereien, Specialty-Coffee-Bars und ein großer Flohmarkt. Geöffnet ist täglich, der Höhepunkt ist Samstagvormittag mit Bauern aus dem Umland. Die Streetfood-Halle bietet von georgischen Khachapuri über vietnamesisches Pho bis zu klassischen Pirukad und Räimerullid alles - ein Marktrundgang mit drei Verkostungsstops und einem Kaffee kostet 20 bis 35 Euro und dauert zwei Stunden.
Setomaa-Tradition und Seto-Esskultur
Im Südosten Estlands rund um Setomaa hat sich eine eigene Esskultur der orthodox geprägten Seto-Volksgruppe erhalten. Sõir ist ein leichter weißer Käse aus Kuhmilch und Kümmel mit Quark und Sauerrahm. Hapupiim ist ein dickes Sauermilchprodukt zu schwarzem Roggenbrot. Auf dem Königreichstag Anfang August in Värska werden traditionelle Lieder und ein Festbankett mit Sõir, Honig, Fisch aus dem Peipussee und hausgemachtem Kali gefeiert. Eine Hofübernachtung mit Abendessen kostet 70 bis 120 Euro pro Person.
Die sechs Genuss-Aktivitäten im Überblick
Kochkurs Mulgipuder und Verivorst
In Tallinn und Viljandi bieten mehrere Familien Kochkurse zu klassischen estnischen Gerichten an. In drei bis vier Stunden entstehen Mulgipuder mit Speck, eingelegte Räimerullid und kleine Pirukad. Preis pro Person 70 bis 130 Euro inklusive Zutaten, Hauswein oder Saaremaa-Bier und gemeinsamem Essen am Ende, häufig in einer Holzofen-Bauernküche im Hinterland.
Marktrundgang Balti Jaama Turg
Der Markt im Tallinner Stadtteil Kalamaja ist täglich geöffnet und bietet schwarzes Roggenbrot, Räucherhering, Sõir, Honig und frische Saisonbeeren. Geführte Touren mit drei Verkostungsstops dauern zwei Stunden und kosten 35 bis 60 Euro pro Person inklusive Räimerullid, einem Kohuke und einem Specialty Coffee.
Brauereitour auf Saaremaa
In den Hofbrauereien rund um Pihtla und Kuressaare auf Saaremaa öffnen mehrere Bauernbrauer ihre Türen für Besucher. Eine Tour mit drei Bauernbieren Koduõlu, einer Brotzeit mit Sült, Sõir und Roggenbrot sowie einem Hofrundgang dauert zwei bis drei Stunden und kostet 25 bis 45 Euro pro Person, häufig in einer alten Steinscheune mit Holzofen.
Verkostungsmenü in NOA oder Restoran Ö
Ein langer Abend in einem der beiden Tallinner Spitzenhäuser verbindet acht bis zwölf Gänge nordisch-baltischer Spitzenküche mit Weinbegleitung. Drei bis vier Stunden Verkostung kosten 130 bis 220 Euro pro Person inklusive Aperitif, Hauptmenü, Käseauswahl und Petit Fours, Reservierung zwei bis vier Wochen im Voraus dringend empfohlen.
Pilz- und Beerentour mit Hofmahl
Rund um Otepää, Soomaa und Tartumaa bieten Bauernhöfe geführte Pilz- und Beerentouren im Wald. Eine Wanderung mit Pfifferlingen, Steinpilzen, Heidelbeeren und Preiselbeeren, anschließend gemeinsamem Kochen am Hof und Abendessen mit Pilzragout dauert vier bis fünf Stunden und kostet 45 bis 80 Euro pro Person, von Juli bis Oktober.
Setomaa-Hofbesuch im Südosten
In Setomaa rund um Värska, Mikitamäe und Obinitsa öffnen mehrere Seto-Familien ihre Höfe für Besucher. Ein Hofbesuch mit Sõir, Honig, Fisch aus dem Peipussee, hausgemachtem Kali und traditionellem Leelo-Volksgesang dauert rund drei Stunden und kostet 40 bis 80 Euro pro Person, an Festtagen mit Volkstanz und Trachten.
Estnische Genuss-Regionen im Vergleich
Die fünf Hauptregionen unterscheiden sich klar in Charakter und Leitgerichten. Tallinn und Tartu sind kulinarisch am vielfältigsten, Saaremaa, Mulgimaa und Setomaa bieten die tiefsten Einblicke in die ländliche Bauern- und Inseltradition.
Praktische Tipps für die Genussreise durch Estland
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Budget realistisch ansetzen
Eine kulinarische Reise durch Estland ist günstiger als in Skandinavien, aber teurer als in Lettland oder Litauen. Mit 75 bis 140 Euro pro Person und Tag sind Frühstück, ein Marktbesuch oder eine Hoftour sowie zwei warme Mahlzeiten inklusive Wein oder Bier realistisch abgedeckt. Für ein Verkostungsmenü in NOA oder Restoran Ö sollten zusätzlich 150 bis 220 Euro pro Person eingeplant werden.
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Saisonalität ernst nehmen
Estland ist eine extrem saisonale Küchenlandschaft. Pfifferlinge und Steinpilze erreichen ihre Spitze von August bis Oktober, Heidelbeeren von Juli bis August, Preiselbeeren im September. Verivorst und Sült sind klassisch ein Winter- und Weihnachtsgericht, frischer Räim aus dem Finnischen Meerbusen ist im Mai und Juni besonders zart, Sõir und Hofkäse zur Erntezeit am intensivsten.
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Reservierung für Tallinner Spitzenrestaurants
NOA und Restoran Ö in Tallinn sind kleine Häuser mit 40 bis 80 Plätzen und oft Wochen im Voraus ausgebucht. Eine Reservierung sollte zwei bis vier Wochen vor dem Reisetag erfolgen, in der Hochsaison zwischen Juni und August besser sechs Wochen. Die meisten Gastgeber sprechen sehr gutes Englisch, einige Hauschefs auch Deutsch.
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Mietwagen mit Vollkasko absichern
Wer Bauernhöfe in Mulgimaa, Brauereien auf Saaremaa und Seto-Höfe in Setomaa besuchen möchte, ist auf einen Mietwagen angewiesen. Tagespreise liegen bei 40 bis 90 Euro für einen Kompaktwagen, Vollkasko ohne Selbstbeteiligung kostet meist 15 bis 25 Euro Aufpreis pro Tag. Für Saaremaa Fähre Virtsu nach Kuivastu rechtzeitig online über praamid.ee buchen.
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Maximal zwei Hauptaktivitäten pro Tag
Eine Genussreise mit Markt am Vormittag, langer Mittagspause, Hoftour am Nachmittag und Mehrgang-Menü am Abend ist anspruchsvoll. Mehr als zwei kulinarische Hauptpunkte pro Tag überfordern den Magen schnell. Wer das Tempo drosselt, behält Aufmerksamkeit für Details bei Schwarzbrot, Sült und Vana Tallinn.
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Barrierefreiheit eingeschränkt
Der Markt Balti Jaama Turg in Tallinn ist barrierefrei mit Aufzügen ausgestattet, viele alte Hofgebäude und Holzscheunen haben jedoch Schwellen, Treppen und enge Türen. Die Tallinner Altstadt mit Kopfsteinpflaster und die Universitätshügel in Tartu sind für Rollstuhl und Rollator herausfordernd. Vorab Kontakt mit Gastgebern und Restaurants klärt die Lage zuverlässig.
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Mücken im Sommer einplanen
Estland hat einen Hochsommer mit langen hellen Nächten - bis zu 19 Stunden Tageslicht im Juni. Damit kommt die Mücken- und Bremsen-Plage in Mooren, Wäldern und an Seeufern. Für Pilz- und Beerenwanderungen sowie Hofbesuche im Hinterland gehören Insektenschutzmittel, lange Hosen und ein Hut auch im Hochsommer in die Tagestasche.
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Plan B für Regentage
Bei Schlechtwetter sind Kochkurse, Markttouren in der Halle und Restaurant-Verkostungen gute Alternativen. Der Markt Balti Jaama Turg in Tallinn bietet einen ganzen halben Tag unter Dach. Pilz- und Beerentouren sowie Inselausflüge auf Saaremaa und Hiiumaa möglichst flexibel buchen, sodass eine Verschiebung um einen Tag möglich bleibt.
Insider-Tipps
Übernachten auf Bauernhöfen und in Gutshöfen
In Mulgimaa, in Setomaa und auf Saaremaa und Hiiumaa gibt es mehrere kleine Bauernhöfe und ehemalige deutsch-baltische Gutshöfe mit angeschlossener Hofküche. Reisende übernachten für 70 bis 160 Euro pro Person inklusive Frühstück und können Verkostungen, Hofführungen und Abendessen direkt vor Ort buchen. Besonders attraktiv sind die Pilguse-Mõis-Anlage auf Saaremaa und mehrere Gutsherrenhöfe rund um Viljandi. Wer länger bleibt, bekommt häufig auch Einblicke in das Backen von Leib am Morgen und das Aufgießen von Kali aus Roggen und Malz.
Volksmusik und Leelo-Gesang im Setomaa
Im Setomaa rund um Värska, Mikitamäe und Obinitsa ist der mehrstimmige Frauen-Wechselgesang Leelo lebendig und zählt zum UNESCO-Welterbe. An Festtagen wie dem Königreichstag der Seto Anfang August in Värska wird zu Leelo getanzt, gegessen und getrunken - mit Sõir, Peipus-Fisch und Kali. Wer im August anreist, sollte den Termin einplanen, das Festbankett kostet 35 bis 65 Euro pro Person.



