Kiew (ukrainisch Kyjiw, transliteriert Kyiv) ist mit rund 2,9 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern die Hauptstadt der Ukraine und das politische, kulturelle und religiöse Zentrum des Landes. Die Stadt erstreckt sich auf einer Höhe von 90 bis 200 Metern über dem Meeresspiegel an beiden Ufern des Dnepr, der das Stadtgebiet in den hochgelegenen historischen rechten Ufer-Teil und das flachere, im 20. Jahrhundert ausgebaute linke Ufer trennt. Kiew gilt als eine der ältesten Städte Osteuropas mit einer urkundlich belegten Geschichte von mindestens 1.500 Jahren — die Sankt-Sophien-Kathedrale aus dem 11. Jahrhundert und das Kiewer Höhlenkloster Lawra zählen seit 1990 zum UNESCO-Welterbe. Aufgrund des seit Februar 2022 andauernden russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine warnt das Auswärtige Amt eindringlich vor Reisen in die gesamte Ukraine einschließlich Kiew. Dieser Beitrag versteht sich daher ausdrücklich nicht als Reise- oder Buchungsempfehlung, sondern als kulturhistorisches Hintergrund-Briefing für Leserinnen und Leser, die sich mit der Stadt, ihrer Geschichte und ihren Bauwerken auseinandersetzen möchten.
Sicherheitslage und Reisewarnung
Seit dem 24. Februar 2022 führt Russland einen umfassenden Angriffskrieg gegen die Ukraine. Kiew ist seither wiederholt Ziel von Raketen- und Drohnenangriffen geworden, die zivile Infrastruktur, Wohngebäude und Energieversorgung treffen. Das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland spricht seit Kriegsbeginn eine umfassende Reisewarnung für die gesamte Ukraine einschließlich der Hauptstadt Kiew aus und ruft deutsche Staatsangehörige zur Ausreise auf. Eine touristische Reise nach Kiew ist unter den aktuellen Bedingungen weder verantwortbar noch versicherbar — Auslandskrankenversicherungen, Reiserücktrittsversicherungen und private Haftpflichtversicherungen schließen Schäden im Zusammenhang mit kriegerischen Ereignissen in der Regel aus. Die deutsche Botschaft in Kiew arbeitet mit eingeschränkten konsularischen Diensten weiter. Wer sich aus beruflichen, journalistischen oder humanitären Gründen dennoch in der Ukraine aufhalten muss, sollte sich vor der Reise unbedingt in der Krisenvorsorgeliste ELEFAND des Auswärtigen Amtes registrieren und die aktuellen Sicherheitshinweise auf auswaertiges-amt.de regelmäßig prüfen.
Welche Informationen dieser Beitrag liefert
Die folgenden Module beschreiben Kiew als Stadt mit ihrer Geschichte, ihrer Architektur und ihren Bauwerken. Sie sind als kulturhistorisches Hintergrundwissen gedacht — für Leserinnen und Leser, die sich aus aktuellem Anlass mit der ukrainischen Hauptstadt beschäftigen, für Bildungs- und Schulkontexte, für journalistische Recherche oder für die Vorbereitung auf eine mögliche Zeit nach Kriegsende. Konkrete Reisedaten, Ticketpreise oder Öffnungszeiten sind Vorkriegsstände und entsprechen nicht der aktuellen Realität vor Ort. Viele Museen und Sehenswürdigkeiten haben ihre Sammlungen evakuiert oder mit Sandsäcken und Schutzkonstruktionen gesichert, der Betrieb erfolgt — wenn überhaupt — eingeschränkt.
Was vor Ort konkret bedroht ist
Die ukrainische Regierung und internationale Organisationen wie UNESCO und ICOMOS dokumentieren seit Kriegsbeginn Schäden an Kulturgütern. In Kiew selbst sind die Welterbestätten Sophien-Kathedrale und Höhlenkloster Lawra durch Druckwellen naher Einschläge und durch die Belastung der Energieversorgung gefährdet, aber bisher nicht direkt getroffen worden. Schwerer betroffen sind Städte wie Mariupol, Charkiw, Tschernihiw und Cherson. Die Bewahrung des kulturellen Erbes ist seither ein erklärtes Ziel internationaler Wiederaufbau-Initiativen.
Anreise und Erreichbarkeit
Die folgenden Angaben zur Anreise sind als kulturhistorische Information gedacht und beschreiben die Vorkriegs-Situation. Aktuell ist eine touristische Anreise nach Kiew aufgrund der Sicherheitslage und der Reisewarnung des Auswärtigen Amtes nicht möglich und nicht empfohlen. Der ukrainische Luftraum ist seit Februar 2022 für die zivile Luftfahrt gesperrt, alle internationalen Flughäfen einschließlich Boryspil und Kiew-Schuljany sind außer Betrieb. Eine Einreise per Bahn aus Polen über Przemysl oder per Bus aus Polen, der Slowakei, Ungarn, Rumänien oder der Republik Moldau ist technisch möglich, aber wegen der Luftangriffe auf zivile Infrastruktur mit erheblichen Risiken verbunden.
Mit dem Auto (vor dem Krieg)
Vor dem Krieg führte die übliche Auto-Route aus Deutschland über die A4 bis Dresden, weiter über Polen via A4 und A18 nach Wrocław und über die Autobahn A4 polnisch bis Korczowa an die polnisch-ukrainische Grenze, anschließend auf der M-06 über Lviv nach Kiew. Gesamtdistanz Berlin–Kiew rund 1.350 Kilometer, Fahrzeit ohne Grenzwartezeiten etwa 15 Stunden. Aktuell sind die Grenzübergänge für den Personenverkehr zwar geöffnet, aber Wartezeiten von vielen Stunden und ein erhöhtes Sicherheitsrisiko auf ukrainischen Straßen über Nacht oder bei Luftalarm sind die Regel. Das ukrainische Straßennetz ist zudem durch Schäden, militärische Kontrollpunkte und Treibstoffrationierung betroffen.
Mit der Bahn
Die Eisenbahngesellschaft Ukrzaliznycja betreibt trotz des Krieges einen erstaunlich stabilen Fernverkehr. Aus Polen verkehrt der direkte Nachtzug von Przemysl Glowny über Lviv nach Kiew mit einer Fahrzeit von etwa 18 Stunden, ein zweiter Zug verbindet Chełm mit Kiew. Vor dem Krieg bestand ein direkter D-Zug Berlin–Kiew, der inzwischen eingestellt ist — aus Deutschland reist man über Berlin oder Krakau zum Grenzbahnhof Przemysl Glowny und steigt dort auf den ukrainischen Nachtzug um. Die Züge sind stärker frequentiert, da die Bahn unter Kriegsbedingungen als sicherer als der Flugverkehr gilt. Buchung über das ukrainische Bahn-Portal uz.gov.ua.
Mit dem Flugzeug
Aktuell gibt es keine zivilen Flugverbindungen nach Kiew. Die internationalen Flughäfen Boryspil (KBP), 36 Kilometer südöstlich der Innenstadt, und der innerstädtische Flughafen Kiew-Schuljany (IEV) sind seit Februar 2022 geschlossen. Vor dem Krieg flogen Lufthansa, Ukraine International, LOT und Wizz Air mehrfach täglich aus Deutschland direkt nach Kiew, Flugzeit ab Berlin rund 2:10 Stunden. Eine Wiedereröffnung des Luftraums ist von der Sicherheitslage abhängig.
Vor Ort bewegen
Der öffentliche Nahverkehr in Kiew funktioniert trotz Krieg weiter und gilt im Stadtgebiet als zuverlässig. Drei U-Bahn-Linien (Sajalisno-Wokzalna, Kuriniwsko-Tscherwonoarmijska und Sirezko-Petsherska) verbinden die Innenstadt, dazu kommen ein dichtes Bus-, Trolleybus- und Straßenbahnnetz sowie die Standseilbahn am Andreassteig. Bei Luftalarm dienen die tief gelegenen Metrostationen — die Station Arsenalna an der Roten Linie ist mit 105,5 Metern unter der Erde die tiefste U-Bahn-Station der Welt — gleichzeitig als Schutzräume und Aufenthaltsorte. Die UA Alarm App informiert Bewohner und Aufenthaltsberechtigte in Echtzeit über Luftalarme im jeweiligen Stadtbezirk.
Kiews Hauptattraktionen im Detail
Kiew ist eine Stadt der Schichten. Auf dem hochgelegenen rechten Ufer des Dnepr stehen seit dem 11. Jahrhundert die großen Sakralbauten der altrussischen und ruthenischen Geschichte, dazwischen liegen barocke Paläste der Hetman- und Zarenzeit, klassizistische Straßenzüge des 19. Jahrhunderts und sozialistisch-stalinistische Boulevards der Nachkriegszeit. Wer Kiew aus historischer Perspektive betrachtet, sollte verstehen, dass die ukrainische Hauptidentität sich seit 1991, verstärkt nach 2014 und endgültig nach 2022, immer stärker von der gemeinsamen Vergangenheit mit Russland abgegrenzt hat. Die Sankt-Sophien-Kathedrale gilt heute zugleich als orthodoxes Heiligtum und als zentrales Symbol der ukrainischen Eigenständigkeit. Die folgenden Abschnitte beschreiben die wichtigsten Bauwerke kulturhistorisch — nicht als touristisches Programm für die Gegenwart.
Sankt-Sophien-Kathedrale
Die Sankt-Sophien-Kathedrale (Sofijiwskyj sobor) im Stadtteil Schewtschenko gilt als das älteste erhaltene Bauwerk Kiews und wurde unter Jaroslaw dem Weisen ab 1037 errichtet. Vorbild war die Hagia Sophia in Konstantinopel. Das Innere bewahrt einen der weltweit größten zusammenhängenden Bestände an byzantinischen Mosaiken und Fresken aus dem 11. Jahrhundert — die Orans-Mutter-Gottes in der Hauptapsis ist mit ihren 5,45 Metern Höhe das berühmteste Motiv. Außen prägt eine barocke Umgestaltung des 17. und 18. Jahrhunderts mit weiß-grünen Türmen und vergoldeten Zwiebelkuppeln den Komplex. Direkt vor der Kathedrale steht das Bohdan-Chmelnyzkyj-Reiterdenkmal von 1888 auf dem Sofijiwska-Platz. Die Kathedrale wurde 1990 gemeinsam mit dem Höhlenkloster Lawra als erstes ukrainisches Objekt in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen.
Kiewer Höhlenkloster Lawra
Das Kiewer Höhlenkloster (Kyjewo-Petscherska Lawra) liegt im Stadtteil Petschersk auf den Anhöhen über dem Dnepr und wurde 1051 von den Mönchen Antonius und Theodosius gegründet. Das Klosterareal umfasst rund 28 Hektar mit der Uspenski-Kathedrale (Mariä-Entschlafens-Kathedrale, im Zweiten Weltkrieg zerstört, bis 2000 originalgetreu wieder aufgebaut), der Trinitätskirche am Eingangstor, dem 96,5 Meter hohen Großen Glockenturm von 1731 bis 1745 und vor allem den weit verzweigten Höhlensystemen mit den mumifizierten Reliquien von etwa 120 Heiligen. Der obere Klosterteil ist heute Museum, der untere Teil mit den Höhlen ist aktives orthodoxes Kloster. Eintritt vor dem Krieg 80 UAH für das obere Areal, Höhlen mit Kerze kostenlos. Seit 2023 ist die kanonische orthodoxe Kirche moskauer Patriarchats aus der Lawra ausgezogen, das Kloster wird nun von der unabhängigen ukrainischen orthodoxen Kirche verwaltet.
Maidan Nesaleschnosti — Platz der Unabhängigkeit
Der Maidan Nesaleschnosti (Platz der Unabhängigkeit) liegt im Zentrum der Stadt am Schnittpunkt von Chreschtschatyk-Boulevard und Instytutska-Straße und ist seit 1991 das politische Herz der unabhängigen Ukraine. Im Mittelpunkt steht die 1996 errichtete Unabhängigkeitssäule (Stela Nesaleschnosti) mit der Figur der Berehynja, der Beschützerin der Ukraine. Der Maidan war Schauplatz der Orangenen Revolution 2004 und der Euromaidan-Proteste 2013/2014, die als Revolution der Würde in die Geschichte eingegangen sind und in den Sturz der Janukowytsch-Regierung mündeten. Am südlichen Rand des Platzes erinnert die Gasse der Himmlischen Hundertschaft an die rund 100 Demonstranten, die im Februar 2014 durch Heckenschützen getötet wurden. Der Platz selbst dient bei Luftalarm nicht als Schutzraum — die unter dem Maidan liegende Einkaufspassage Hlobus ist nicht ausreichend tief.
Andreassteig
Der Andreassteig (Andrijiwskyj uswis) verbindet die Oberstadt mit dem historischen Stadtteil Podil am Dnepr-Ufer und gilt als die malerischste Straße Kiews. Am oberen Ende steht die barocke Andreaskirche von 1754, ein Werk des italienisch-russischen Architekten Bartolomeo Rastrelli, der auch den Mariinski-Palast und das Winterpalais in Sankt Petersburg gestaltete. Die Straße selbst windet sich knapp 720 Meter über Kopfsteinpflaster bergab, gesäumt von Bürgerhäusern des 19. Jahrhunderts und einigen kleinen Museen wie dem Bulgakow-Haus, in dem der russisch-ukrainische Schriftsteller Michail Bulgakow seine Kindheit verbrachte. Vor dem Krieg war der Andreassteig der zentrale Kunsthandwerker-Markt der Stadt mit Stickerei, Keramik, Ikonen-Repliken und Pyssanky-Ostereiern. Seit 2022 ist der Markt stark reduziert, viele Galerien sind geschlossen.
Goldenes Tor
Das Goldene Tor (Solotyji Worota) im Stadtteil Schewtschenko war der Haupteingang in die mittelalterliche Stadtbefestigung der Kiewer Rus und wurde 1037, wenige Schritte von der Sankt-Sophien-Kathedrale entfernt, unter Jaroslaw dem Weisen errichtet. Das Tor erhielt seinen Namen wahrscheinlich nach dem über dem Tor stehenden, vergoldeten Kirchlein der Verkündigung. Im 18. Jahrhundert verfiel die Anlage, 1982 wurde anlässlich der 1.500-Jahr-Feier Kiews eine umstrittene Vollrekonstruktion errichtet — heute kombiniert das Bauwerk teils originale Befestigungsreste mit der sowjetischen Wiedergabe. Direkt vor dem Tor steht das Reiterstandbild Jaroslaws des Weisen aus dem Jahr 1997. Eintritt ins Innenmuseum vor dem Krieg 60 UAH.
Mariinski-Palast
Der Mariinski-Palast (Marijinskyj palaz) auf der Anhöhe oberhalb des Dneprs ist die offizielle zeremonielle Residenz des ukrainischen Präsidenten und liegt unmittelbar neben dem Werchowna-Rada-Parlamentsgebäude. Erbaut wurde der zweistöckige Bau aus türkis-weißem Stuck in den Jahren 1744 bis 1755 nach einem Entwurf des Hofarchitekten Bartolomeo Rastrelli als Residenz für Zarin Elisabeth I. von Russland. Den Namen Mariinski erhielt der Palast nach Maria Alexandrowna, der Gemahlin Alexanders II., die hier Mitte des 19. Jahrhunderts residierte. Heute dient der Palast Empfängen und Staatsbesuchen — wer den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj im Fernsehen Staatsgäste empfangen sieht, sieht in der Regel den Mariinski-Empfangssaal. Das Innere ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich, der davorliegende Mariinski-Park hingegen ist öffentlich.
Die 6 wichtigsten Kiewer Wahrzeichen im Überblick
Sankt-Sophien-Kathedrale
Älteste erhaltene Kirche Kiews, gegründet 1037 unter Jaroslaw dem Weisen. UNESCO-Welterbe seit 1990 mit byzantinischen Mosaiken und Fresken des 11. Jahrhunderts. Die Orans-Mutter-Gottes in der Hauptapsis gilt als das ikonografische Symbol der Stadt.
Höhlenkloster Lawra
Orthodoxes Kloster mit Höhlensystem und Reliquien von etwa 120 Heiligen, gegründet 1051. UNESCO-Welterbe mit der wieder aufgebauten Uspenski-Kathedrale und dem 96,5 Meter hohen Glockenturm. Aktives Kloster der unabhängigen ukrainischen orthodoxen Kirche.
Maidan Nesaleschnosti
Platz der Unabhängigkeit im Stadtzentrum, Schauplatz der Orangenen Revolution 2004 und der Euromaidan-Proteste 2013/2014. Die Berehynja-Säule und die Gasse der Himmlischen Hundertschaft erinnern an die Opfer der Revolution der Würde.
Andreassteig
Knapp 720 Meter lange historische Kopfsteinstraße zwischen Oberstadt und Podil. Am oberen Ende die barocke Andreaskirche von Bartolomeo Rastrelli (1754), entlang der Straße Bürgerhäuser des 19. Jahrhunderts und das Bulgakow-Haus.
Goldenes Tor
Rekonstruktion des Haupteingangs in die mittelalterliche Stadtmauer der Kiewer Rus aus dem Jahr 1037. Heute steht das Reiterstandbild Jaroslaws des Weisen davor, das Innere beherbergt ein kleines Museum zur frühen Stadtgeschichte.
Mariinski-Palast
Türkis-weißer Barock-Palast von Bartolomeo Rastrelli (1744 bis 1755), heute zeremonielle Residenz des ukrainischen Präsidenten. Empfangsort für Staatsbesuche und Pressekonferenzen, von außen vom Mariinski-Park aus sichtbar.
Sehenswürdigkeiten im Vergleich
Die Tabelle ordnet die fünf wichtigsten Wahrzeichen Kiews nach Entstehungszeit, Stil und Funktion ein. Sie ist als kulturhistorisches Schema gedacht und beschreibt den Stand vor 2022.
Geschichte und Charakter Kiews
Kiew gehört zu den ältesten Städten Osteuropas. Urkundlich wird die Stadt erstmals in der altslawischen Nestor-Chronik im Zusammenhang mit der Gründungssage der drei Brüder Kij, Schtschek und Chorywa erwähnt, ab dem 9. Jahrhundert ist Kiew Hauptstadt der Kiewer Rus — eines mittelalterlichen Großreiches, aus dem sich die heutigen Identitäten der Ukraine, Russlands und Belarus historisch ableiten. Diese geteilte Wurzel ist seit Februar 2022 zum Gegenstand erbitterter politischer und kultureller Auseinandersetzung geworden. Die ukrainische Geschichtswissenschaft betont seit 1991 zunehmend die eigenständige ukrainische Tradition, die russische Historiografie reklamiert Kiew als Wiege der gemeinsamen ostslawischen Geschichte. Ein Zugang über die Bauwerke und ihre Auftraggeber selbst — Jaroslaw der Weise, Bohdan Chmelnyzkyj, Hetman Iwan Masepa, die russischen Zaren und schließlich die unabhängige Ukraine seit 1991 — erschließt diese Schichten am besten.
Kiewer Rus und Christianisierung
988 nahm Großfürst Wladimir I. mit seinem Hof am Dnepr-Ufer in Kiew die orthodoxe Taufe an und machte das Christentum byzantinischer Prägung zur Staatsreligion. Sein Sohn Jaroslaw der Weise (978 bis 1054) baute Kiew zu einer der großen Metropolen Europas aus und ließ Sophien-Kathedrale, Goldenes Tor und ein erstes geschriebenes Gesetzbuch, die Russkaja Prawda, entstehen. Die Mongolenstürme unter Batu Khan 1240 zerstörten die Stadt großteils, das Erbe der Kiewer Rus zog sich danach in die nördlichen Teilfürstentümer Wladimir und Moskau zurück.
Polen-Litauen, Hetmanat und Russisches Reich
Vom 14. bis 17. Jahrhundert gehörte Kiew zum Großfürstentum Litauen und zur polnisch-litauischen Adelsrepublik. 1654 trat Hetman Bohdan Chmelnyzkyj mit dem Vertrag von Perejaslaw in russisches Protektorat ein, was den Anfang der Eingliederung Kiews ins Russische Reich markierte. Im 18. Jahrhundert wurde die Stadt unter Zarin Elisabeth zu einer Provinzhauptstadt mit reicher barocker Bautätigkeit ausgebaut (Andreaskirche, Mariinski-Palast). Im 19. Jahrhundert wuchs Kiew zur Industrie- und Handelsstadt mit dem klassizistischen Chreschtschatyk-Boulevard und der Wladimir-Kathedrale.
20. Jahrhundert und Unabhängigkeit
Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges entstand 1917 kurzzeitig die Ukrainische Volksrepublik mit Hauptstadt Kiew, die 1922 als Ukrainische SSR Teil der Sowjetunion wurde. Der Holodomor — die künstlich erzeugte Hungersnot von 1932/1933 — kostete Millionen Ukrainer das Leben und wird heute als Völkermord eingeordnet. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Stadt schwer zerstört, das Massaker von Babyn Jar im September 1941 mit über 33.000 ermordeten Kiewer Juden gilt als eines der größten Einzelmassaker der Shoah. Am 24. August 1991 erklärte die Ukraine ihre Unabhängigkeit, im Dezember 1991 bestätigte das Volk die Lösung von der Sowjetunion in einem Referendum mit 90 Prozent Zustimmung.
Praktische Hinweise zum Umgang mit dem Kiew-Thema
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Reisewarnung des Auswärtigen Amtes ernst nehmen
Das Auswärtige Amt spricht seit Februar 2022 eine umfassende Reisewarnung für die gesamte Ukraine einschließlich Kiew aus. Diese Warnung hat versicherungsrechtliche und konsularische Konsequenzen — Auslandskrankenversicherungen, Reiserücktrittsversicherungen und private Haftpflicht greifen bei kriegerischen Ereignissen in der Regel nicht. Aktuelle Hinweise auf auswaertiges-amt.de prüfen.
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Stadtnamen Kiew oder Kyjiw bzw. Kyiv
Im Deutschen ist sowohl die historische Schreibweise Kiew (vom russischen Kijew abgeleitet) als auch die ukrainische Transliteration Kyjiw bzw. die englische Form Kyiv gebräuchlich. Seit Februar 2022 verwenden viele deutsche Medien und das Auswärtige Amt die ukrainische Variante Kyjiw oder Kyiv als Zeichen der Solidarität. Beide Formen sind sprachlich korrekt.
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Unterstützungsmöglichkeiten
Wer Kiew und die Ukraine konkret unterstützen möchte, kann an etablierte Organisationen wie das Deutsche Rote Kreuz, die Bundeszentrale für politische Bildung, die UNO-Flüchtlingshilfe oder das Zentrum Liberale Moderne spenden. Auch der Bundesverband der ukrainischen Vereine in Deutschland und die Stiftung Ukraine-Hilfe leisten konkrete Arbeit.
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Kultur und Kunst aus Kiew online
Viele Kiewer Museen haben Teile ihrer Sammlungen seit 2022 digitalisiert und stellen sie online zugänglich. Das Pinchuk Art Centre, das Mystetskyi Arsenal und das Nationalmuseum der Geschichte der Ukraine im Zweiten Weltkrieg bieten virtuelle Rundgänge. Die ukrainische Wikipedia, die Plattform Ukraïner und das Online-Magazin The Kyiv Independent (englischsprachig) liefern verlässlich aktuelle Kontextinformation.
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UNESCO-Welterbe in Gefahr
Die UNESCO führt Sankt-Sophien-Kathedrale und Höhlenkloster Lawra seit 2023 auf der Liste des Welterbes in Gefahr. Das bedeutet zusätzliche internationale Aufmerksamkeit, Schutzmaßnahmen vor Ort und Mittel für Sicherungsmaßnahmen. Internationale Wiederaufbau-Konferenzen wie die Ukraine Recovery Conference legen Mittel für den Kulturschutz auf.
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Barrierefreiheit unter Kriegsbedingungen
Kiews historische Innenstadt ist topografisch anspruchsvoll — die Oberstadt liegt deutlich höher als das Dnepr-Ufer, viele Wege sind Kopfsteinpflaster, der Andreassteig hat ein Gefälle von rund zehn Prozent. Unter den aktuellen Kriegsbedingungen sind viele Aufzüge außer Betrieb oder dienen als Schutzräume. Selbst nach Kriegsende wird die Wiederherstellung umfassender Barrierefreiheit Jahre brauchen.
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Klima und Klimadaten
Kiew hat ein gemäßigt-kontinentales Klima mit warmen Sommern (Juli-Mittel rund 21 Grad, in Hitzeperioden über 32 Grad) und kalten Wintern (Januar-Mittel minus 4 Grad, in Kaltlagen bis minus 20 Grad). Diese Daten sind kulturhistorisch relevant — die Verteidigung der Stadt im Winter 2022/2023 unter Stromausfällen und Heizungsversagen war eine zentrale Herausforderung der ukrainischen Energieversorgung.
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Ukrainische Sprache im historischen Kontext
Die ukrainische Sprache wurde im Russischen Reich und in der frühen Sowjetunion immer wieder unterdrückt — das Ems-Ukas-Dekret von 1876 verbot beispielsweise die Veröffentlichung ukrainischer Bücher. Seit 1991 ist Ukrainisch alleinige Amtssprache, im Alltag — besonders in Kiew — wurde aber lange auch Russisch gesprochen. Seit 2022 ist eine deutliche Verschiebung zur ukrainischen Sprache zu beobachten, viele Kiewer haben das Russische auch in Privatgesprächen aufgegeben.
Einordnung aus journalistischer Perspektive
Was deutsche Medien aktuell leisten
Seit Februar 2022 berichten deutsche Korrespondentinnen und Korrespondenten regelmäßig aus Kiew — die ARD und das ZDF unterhalten Büros in der Stadt, die Süddeutsche Zeitung, die FAZ, die ZEIT und der Spiegel haben Reportageteams vor Ort. Wer Hintergrundwissen zur Stadt und zur Lage erwerben möchte, findet bei diesen Medien fundierte Reportagen, Hintergrundtexte und Hintergrundpodcasts (etwa Streitkräfte und Strategien des NDR, Politikum des WDR oder Lagebericht von Politico).
Wissenschaftliche Quellen
Für eine tiefer gehende kulturhistorische Beschäftigung bieten sich die Schriften von Karl Schlögel, insbesondere sein Buch über das ukrainische Jahrhundert, sowie die Arbeiten der Forschungsstelle Osteuropa der Universität Bremen und des Zentrums für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) Berlin an. Das Auswärtige Amt und die Bundeszentrale für politische Bildung stellen kostenlose Länderdossiers und Hintergrundtexte zur Ukraine zur Verfügung.
Hinweis und Solidarität
Dieser Beitrag ist Teil einer Briefingreihe, die europäische Hauptstädte kulturhistorisch porträtiert. Im Fall Kiews ist der übliche journalistisch-touristische Zugang aufgrund des russischen Angriffskrieges seit Februar 2022 nicht möglich und nicht angemessen. Die Redaktion versteht den vorliegenden Text als Beitrag zur Bildung und zur kontinuierlichen Aufmerksamkeit für eine Stadt, die sich seit drei Jahren gegen ihre Zerstörung verteidigt. Wer Kiew unterstützen möchte, kann das über humanitäre Spenden, über Bildungs- und Kulturpartnerschaften und über den Bezug ukrainischer Medien tun. Die Lage wird sich ändern — wann und wie, weiß heute niemand. Bis dahin bleibt die Stadt in unserem Bewusstsein und in unserer Berichterstattung.




