Chișinău ist die Hauptstadt der Republik Moldau und mit rund 635.000 Einwohnern die größte Stadt des Landes — eine der grünsten Hauptstädte Europas mit über 22 Prozent Parkfläche und zugleich ein lebendiges Freilichtmuseum sowjetischer Stadtplanung. Die Stadt wurde 1436 erstmals urkundlich erwähnt, blieb aber bis 1812 ein Marktstädtchen am Bâc, ehe das Russische Reich Bessarabien annektierte und Chișinău (russisch Kischinjow) zur Provinzhauptstadt erhob. Das schachbrettartige Straßenraster mit dem Boulevard Ștefan cel Mare și Sfânt geht auf den Generalplan von 1817 zurück. Nach Erdbeben 1940 und Kriegsschäden 1941 bis 1944 wurde die Stadt unter sowjetischer Verwaltung neu aufgebaut — Plattenbauviertel Botanica, Râșcani, Ciocana und Buiucani entstanden, ergänzt um Mosaik-Fassaden, Brutalismus-Solitäre und das monumentale Regierungsgebäude. Seit der Unabhängigkeit am 27. August 1991 wandelt sich Chișinău spürbar — neue Cafés, Kunstgalerien und eine junge Underground-Musikszene wachsen zwischen Lenin-Boulevard und Kruschtschowka. Wer Chișinău heute besucht, erlebt den Moment, in dem sowjetische Stadtstruktur, ungarisch-jüdisches Vorkriegserbe und post-sowjetischer Aufbruch nebeneinanderstehen — flankiert vom größten unterirdischen Weinkeller der Welt in Mileștii Mici und dem 600 Jahre alten Felsenkloster Orheiul Vechi vor den Toren der Stadt.

Anreise und Erreichbarkeit

Chișinău liegt im Zentrum der Republik Moldau am Fluss Bâc, rund 450 Kilometer nordwestlich des Schwarzen Meeres. Drei bis vier Tage reichen für Innenstadt, Mosaik-Tour und einen Weinkeller-Tagestrip — fünf bis sieben Tage erlauben Mileștii Mici, Cricova, Orheiul Vechi und einen Abstecher ins Weingebiet.

Mit dem Flugzeug

Der Flughafen Chișinău (KIV) liegt 13 Kilometer südöstlich des Zentrums. Direktflüge aus Deutschland ab Frankfurt, München und Berlin mit Lufthansa und Wizz Air, Saisonverbindungen aus Memmingen und Köln. Flugzeit Frankfurt 2:40 Stunden. Bus-Linie 165 in 30 Minuten zum Zentrum für 6 Lei (rund 0,30 Euro), Taxi 150 bis 200 Lei. Ride-Apps Yandex Go und Bolt verfügbar.

Mit der Bahn und dem Fernbus

Der Hauptbahnhof Gara Feroviară liegt am südwestlichen Innenstadtrand. Internationale Zugverbindungen sind reduziert — Hauptanbindung sind Fernbusse aus Bukarest (8 Stunden) und Iași (4 Stunden) ab Autogara Centrală nahe der Piața Centrală. In der Stadt decken Trolleybusse, Busse und Marschrutkas alles ab — Einzelfahrt 3 bis 6 Lei.

Mit dem Auto

Aus Deutschland über Bukarest und Iași auf der E58 — rund 1.900 Kilometer ab Berlin. Bewachte Parkplätze an Hotels und im MallDova-Komplex. Grüne Karte und internationaler Führerschein empfohlen.

Vor Ort bewegen

Das Zentrum entlang des Boulevards ist gut zu Fuß erschließbar — vom Stephan-Park bis zur Piața Centrală 25 Minuten. Trolleybus 1, 4, 22 und 24 entlang des Boulevards. Für Mosaik- und Brutalismus-Tour Ride-App-Hopping. Eine U-Bahn gibt es nicht.

Berlin → Chișinău 1.880 km ~2:40 h Direktflug ab BER
Frankfurt → Chișinău 1.910 km Flug ~2:40 h Direktflug ab FRA
Chișinău → Bukarest 450 km ~8:00 h Fernbus, ~7:00 h Auto
Chișinău → Iași 140 km ~4:00 h Fernbus über Sculeni
Chișinău → Orheiul Vechi 60 km ~1:30 h Auto oder Marschrutka

Der Boulevard Ștefan cel Mare — die zentrale Achse

Der Boulevardul Ștefan cel Mare și Sfânt — benannt nach Fürst Stephan dem Großen (1433 bis 1504) — ist die Nord-Süd-Achse Chișinăus auf 3,8 Kilometern. Die Allee folgt dem Generalplan von 1817 mit doppelter Lindenreihe und repräsentativen Bauten aus drei Epochen — zarischer Eklektizismus, Stalin-Klassizismus, brutalistischer Spätsowjet. Hier reihen sich Regierungsgebäude, Präsidialamt, Parlament, Akademie, Nationaltheater, Oper und Nationalbibliothek. Eine Vormittagsroute beginnt am Stephan-Park, führt über die Piața Marii Adunări Naționale und endet an der Piața Centrală.

Stephan-der-Große-Park (Parcul Ștefan cel Mare)

Der Stephan-Park am Nordende des Boulevards ist der älteste Park der Stadt — angelegt 1818 unter Gouverneur Alexei Bachmetjew. Auf 7 Hektar geometrische Lindenallee mit Skulpturen moldauischer Schriftsteller (Mihai Eminescu, Ion Creangă, Vasile Alecsandri) und Springbrunnen. Am Boulevard-Eingang das Bronzedenkmal Stephans des Großen von Alexandru Plămădeală (1928) auf 4 Meter Granitsockel — Wahrzeichen Moldaus. Frei zugänglich.

Triumphbogen (Arcul de Triumf)

Der Triumphbogen (Arcul de Triumf, auch Sfânta Poartă) auf der Piața Marii Adunări Naționale steht direkt vor der Kathedrale. Der 13 Meter hohe Kalksteinbogen wurde 1840 zum Sieg des Russischen Reiches über das Osmanische Reich 1828 bis 1829 errichtet. Auf dem Dachgeschoss eine Glocke aus eingeschmolzenen türkischen Kanonen. Zeremonielles Zentrum bei Staatsakten und Paraden, frei zugänglich.

Regierungsgebäude (Casa Guvernului)

Das Regierungsgebäude auf der Piața Marii Adunări Naționale ist der monumentale Verwaltungsbau der Republik Moldau — ein neunstöckiger Stalin-Klassizismus-Block 1964 bis 1984 nach Plänen von Sergei Fridlin. Weiße Marmor-Verkleidung, symmetrische Säulenordnung, Inschrift Guvernul Republicii Moldova. Vor dem Bau der Wappenträger mit Auerochsen-Wappen. Von außen frei zugänglich.

Nasterea-Domului-Kathedrale

Die Kathedrale Geburt des Herrn (Catedrala Nașterea Domului) hinter dem Triumphbogen ist die Hauptkirche der orthodoxen Metropolie Moldaus. Der klassizistische Bau mit weißer Trommelkuppel und vier Säulen-Portalen entstand 1830 bis 1836 nach Plänen des italienischen Architekten Auguste de Montferrand — dem Baumeister der Isaakskathedrale in Sankt Petersburg. 1941 schwer beschädigt, in den 1960ern Ausstellungshalle, 1990er als Kirche wiederhergestellt. Der freistehende Glockenturm wurde 1962 gesprengt, 1997 wiederaufgebaut. Eintritt frei, täglich 7 bis 19 Uhr.

Sowjetisches Erbe — Mosaiken, Brutalismus, Push-Pin-Tour

Chișinău ist eines der wichtigsten Freilichtmuseen sowjetischer Architektur in Osteuropa — vergleichbar mit Tiflis oder Almaty. Nach Erdbeben 1940 und Kriegsschäden 1941 bis 1944 wurde die Stadt unter sowjetischer Verwaltung neu aufgebaut. Drei Phasen prägen das Stadtbild — Stalin-Klassizismus bis 1956, Chruschtschowka-Plattenbauten der 1950er- und 1960er-Jahre und brutalistische Solitäre der 1970er- und 1980er-Jahre mit Sichtbetonfassaden, Mosaik-Wandgemälden und Waben-Geometrie.

Brutalismus-Solitäre

Das Hotel Național (1978, heute Ruine) am Boulevard Ștefan cel Mare ist der bekannteste Brutalismus-Solitär — sechzehnstöckig mit dreieckigem Grundriss und wabenartiger Fensterfront. Das Staatszirkus-Gebäude (Circul de Stat, 1981) in Râșcani mit halbkugelförmiger Beton-Kuppel. Das Romanița-Hochhaus (1986) in Botanica mit blütenförmigem Grundriss und 25 Stockwerken. Das ehemalige Hotel Cosmos auf der Piața Negruzzi mit Pyramiden-Fassade. Das Museum für Ethnographie mit Mosaik-Eingangsfassade.

Sowjet-Mosaiken

Chișinău besitzt eine der dichtesten Konzentrationen sowjetischer Mosaik-Wandgemälde in Europa — entstanden 1965 bis 1989 als Kunst-am-Bau-Programm. Bekannte Mosaiken: die Fassade des Theaters Eugen Ionesco in Râșcani mit Theaterszenen, das Mosaik am Trolleybus-Depot Nr. 1, das Wandbild Pământul Moldovei an der ehemaligen Konditorei Bucuria, das Mosaik am Schulkomplex Nr. 56 und das große Wandbild Cosmos im ehemaligen Kino Patria. Geführte Mosaik-Tour mit dem Kollektiv Locals Moldova 3 bis 4 Stunden, ab 25 Euro pro Person.

Push-Pin-Tour Brutalismus

Wer die Tour selbst macht, startet am Hotel Național, geht zur Piața Negruzzi, weiter zum Staatszirkus, dann zum Romanița-Hochhaus und endet am Theater Eugen Ionesco. Rund 12 Kilometer mit Ride-App, ein ganzer Tag. Die Sammlung Soviet Modernism dokumentiert über 80 Solitäre — Übersicht auf moldova.travel.

Pushkin-Park (Grădina Publică)

Der Pushkin-Park (Grădina Publică, früher Parcul Pușkin) am Boulevard Ștefan cel Mare ist der zweitgrößte Innenstadt-Park und liegt nördlich des Stephan-Parks. Auf 5 Hektar Lindenallee mit Pushkin-Denkmal von Alexander Opekušin (1885) — Alexander Sergejewitsch Pushkin lebte 1820 bis 1823 in Chișinău im Exil und schrieb hier Teile von Eugen Onegin und das Poem Die Zigeuner. Das Pushkin-Haus-Museum am Park-Rand zeigt das Wohnhaus mit Originalmöbeln und Manuskripten. Eintritt 30 Lei, Mi bis So 10 bis 17 Uhr.

Die wichtigsten Stationen im Überblick

Stephan-Boulevard

Zentrale Nord-Süd-Achse über 3,8 km mit Generalplan von 1817. Doppelte Baumreihe, Regierungsgebäude, Oper, Nationalbibliothek. Eintritt frei.

Triumphbogen 1840

Sfânta Poartă auf der Piața Marii Adunări mit Glocke aus eingeschmolzenen türkischen Kanonen. Zeremonielles Zentrum bei Staatsakten und Paraden.

Kathedrale Nașterea Domului

Klassizismus 1830 bis 1836 von Auguste de Montferrand — dem Architekten der Isaakskathedrale. Freistehender Glockenturm 1997 rekonstruiert.

Brutalismus-Tour

Hotel Național, Staatszirkus, Romanița-Hochhaus, Theater Eugen Ionesco. 12 km Push-Pin-Route, Ride-App-Hopping, ganzer Tag.

Sowjet-Mosaiken

Über 80 Wandgemälde aus 1965 bis 1989. Bucuria-Konditorei, Schulkomplex 56, Patria-Kino, Trolleybus-Depot. Tour ab 25 Euro.

Pushkin-Park

Grădina Publică mit Pushkin-Denkmal von 1885 und Wohnhaus-Museum aus dem Exil 1820 bis 1823. Eintritt 30 Lei, Mi bis So.

Museen — Nationalmuseum und Moldau-Geschichtsmuseum

Chișinău besitzt zwei zentrale Museen — das Nationalmuseum für Ethnographie und Naturgeschichte und das Nationalmuseum für Geschichte. Beide liegen in Fußweite des Stephan-Boulevards und ergänzen sich inhaltlich.

Nationalmuseum für Ethnographie und Naturgeschichte

Das Nationalmuseum (Muzeul Național de Etnografie și Istorie Naturală) in der Mihail Kogălniceanu 82 ist das älteste Museum Moldaus, gegründet 1889 von Baron Alexandru Stuart. Das viktorianische Backsteingebäude im neumaurischen Stil enthält drei Abteilungen — Naturgeschichte mit dem Skelett des Dinothérium aus Bessarabien (1966 ausgegraben, 8 Meter Länge, Miozän, einer der vollständigsten Funde weltweit), Ethnographie mit Trachten und Webereien aus allen Regionen sowie Bessarabien-Geschichte mit Funden der Cucuteni-Trypillja-Kultur (5000 bis 3000 v. Chr.). Eintritt 30 Lei, Mi bis So 10 bis 18 Uhr.

Nationalmuseum für Geschichte der Republik Moldau

Das Geschichtsmuseum (Muzeul Național de Istorie a Moldovei) in der Strada 31 August 1989 121A umfasst vier Etagen und 14 Säle. Schwerpunkte: Fürstentum Moldau unter Stephan dem Großen, osmanische Vasallenzeit, zarische Annexion 1812, Moldauische Demokratische Republik 1917 bis 1918, rumänische Verwaltung 1918 bis 1940, Sowjet-Zeit und Unabhängigkeit 1991. Vor dem Eingang die Lupa Capitolina — Geschenk Roms an Chișinău 1926 als Symbol lateinischer Herkunft. Im Innenhof die Diorama Iași-Chișinău-Operation 1944. Eintritt 30 Lei, Mi bis So 10 bis 18 Uhr.

Tagestrips — Weinkeller-Weltrekord und Felsenkloster

Die Republik Moldau ist eines der ältesten Weinländer Europas — Weinbau seit über 3.000 Jahren nachgewiesen. Drei Tagestrips ab Chișinău gehören zum Pflichtprogramm — Mileștii Mici, Cricova und Orheiul Vechi.

Mileștii Mici — größter Weinkeller der Welt

Mileștii Mici rund 18 Kilometer südlich von Chișinău ist seit 2005 Guinness-Weltrekord-Halter für den größten Weinkeller der Welt — ein unterirdisches Tunnelsystem aus Kalksteinminen mit über 200 Kilometern Stollen, davon rund 55 Kilometer als Weinkeller. Die Sammlung umfasst über 2 Millionen Flaschen, der älteste Wein stammt von 1968. Die Verkostungstour führt mit dem Auto durchs Labyrinth zu Räumen wie dem Pretoria-Saal und dem Saal Cascada mit Tropfstein-Wand. Tour ab 35 Euro mit drei Weinen, ab 65 Euro mit fünf Weinen und Brotzeit. Voranmeldung über moldova.travel erforderlich. Mi bis So 10 bis 17 Uhr.

Cricova — unterirdische Weinstadt

Cricova rund 15 Kilometer nördlich von Chișinău ist die zweite große Weinkeller-Adresse Moldaus — 120 Kilometer Kalksteinstollen, davon 60 Kilometer mit Wein. Über 1,2 Millionen Flaschen, darunter die berühmte Collection mit Hermann-Göring-Beständen. Tagesgäste fahren mit Auto oder Tour-Bus durch unterirdische Straßen — mit Straßenschildern Strada Cabernet und Strada Feteasca Albă. Verkostung mit drei Weinen und Schaumwein nach Méthode Champenoise ab 30 Euro pro Person. Mi bis So 10 bis 18 Uhr.

Orheiul Vechi — Felsenkloster über dem Răut

Orheiul Vechi (Alt-Orhei) rund 60 Kilometer nordöstlich ist der spirituelle und archäologische Schlüsselort Moldaus — ein Felsenkloster aus dem 13. Jahrhundert in einer dramatischen Schleife des Răut-Flusses. Auf dem Kalksteinplateau Reste der getischen Siedlung Orheiul (4. Jahrhundert v. Chr.), der mittelalterlichen Stadt Șehr al-Cedid der Goldenen Horde, das moldauische Fürstenschloss aus dem 16. Jahrhundert und das Höhlenkloster Peștera mit in den Fels geschlagenen Zellen, Kirche und Refektorium. Das Höhlenkloster ist bis heute aktiv. Auf dem Plateau die orthodoxe Kirche Nașterea Maicii Domnului (1905). Eintritt 20 Lei, Höhlenkloster frei. Anreise per Marschrutka ab Autogara Centrală in 1:30 Stunden.

Piața Centrală — die kleine Markthalle

Die Piața Centrală am südlichen Ende des Boulevards ist Chișinăus traditionelle Markthalle und ein Spiegel des Alltags. Auf rund 4 Hektar Hallen und Freiluft-Stände — Gemüse, Obst, Fleisch, Karpfen aus moldauischen Stauseen, Käse (Cașcaval-Bergkäse, Brânză de burduf in Schafhautsäcken), Honig, Walnüsse und bessarabische Sonnenblumenkerne. Eine eigene Halle für Hausschnaps Țuică und Hauswein — Moldauer bringen Plastikflaschen zum Auffüllen mit. Bernsteinwaren, Trachten und kyrillische Bücher an Trödlerständen. Halle eröffnet 1825, Mo bis Sa 6 bis 18 Uhr, So bis 14 Uhr. Eintritt frei.

Ungarisches und jüdisches Erbe — Vorkriegs-Chișinău

Vor 1940 war Chișinău multiethnisch — Rumänen, Russen, Ukrainer, eine große jüdische Gemeinde mit rund 50.000 Menschen (etwa 35 Prozent), kleinere ungarische, deutsche und armenische Communities. Diese Welt wurde 1903 bis 1944 durch Pogrom, Holocaust und sowjetische Deportation weitgehend ausgelöscht — Spuren in Quartieren, Friedhöfen und Bauten sind erhalten.

Das jüdische Chișinău und das Pogrom 1903

Das Pogrom von Kischinjow am 19. und 20. April 1903 (Osterpogrom) war einer der schwersten antijüdischen Übergriffe im Russischen Reich vor 1914 — 49 Tote, 92 Schwerverletzte, rund 700 Häuser und 600 Geschäfte zerstört. Es löste internationale Proteste aus und beschleunigte die Auswanderung nach Westeuropa, Amerika und Palästina. Erhaltene Reste im Viertel um die Strada Habad Liubavici und Strada 31 August 1989 — die Synagoge Habad Liubavici (1896) und die Familien-Synagoge Rabbi Țirelson (1929, wieder aktiv). Das Jüdische Museum am Strada Bender 49 dokumentiert die Geschichte der bessarabischen Juden. Eintritt frei, So bis Do 10 bis 17 Uhr. Der jüdische Friedhof Cimitirul Evreiesc Vechi nördlich des Pushkin-Parks umfasst 24 Hektar.

Ungarisches und armenisches Erbe

Die ungarische Gemeinde war im 19. Jahrhundert klein, aber präsent — über die bessarabische Adelsschicht und Beamte der Habsburger Donaumonarchie. Ein renoviertes ungarisches Bürgerhaus an der Strada Sfatul Țării beherbergt heute das Café Lulu mit Vintage-Bibliothek. Die armenische Kirche Sfânta Maria am Strada Armenească (1804) ist die älteste erhaltene Kirche der Stadt und Zentrum der armenischen Diaspora.

Neue Hipster-Cafés, Kunstgalerien und Underground-Musik

Seit etwa 2015 wandelt sich Chișinău spürbar — eine Generation 25- bis 35-Jähriger mit Auslandserfahrung gestaltet die Innenstadt neu. Specialty-Cafés, Co-Working-Spaces, Galerien und Bars beleben Innenhöfe, die bis vor wenigen Jahren leer standen. Drei Quartiere prägen die neue Szene — der Innenhof-Komplex Mediacor, das Viertel um die Strada Vlaicu Pârcălab und die ehemalige Tabakfabrik Carbon (Tütün-CMC).

Café- und Bar-Empfehlungen

Neue Adressen — Tucano Coffee (Specialty-Kette), Crème de la Crème im Innenhof Mediacor, Coffee Molka mit Hafer-Cappuccino und Brunch, Smokehouse in Buiucani, Carbon Bar in der Tabakfabrik mit Cocktails und Live-Konzerten und Berarie Gambrinus für Craft-Biere. Espresso 25 bis 40 Lei, Cocktail 90 bis 130 Lei.

Kunstgalerien und Co-Working

Die Galerie Centrul Expozițional Constantin Brâncuși zeigt zeitgenössische moldauische Kunst — Eintritt frei. Die Galerie Atelier 35 an der Strada Eminescu ist Treffpunkt junger Maler und Fotografen. Der iHub Chișinău sammelt IT-Gründer, Tagesticket 80 Lei. Die Kreativfabrik Carbon (ehemals Tütün-CMC) beherbergt Designer-Studios und das Eclectic Music Festival.

Underground-Musikszene

Chișinău hat eine wachsende elektronische Musikszene. Clubs — Mediacor (House, Techno, Gäste aus Berlin und Bukarest), Carbon Bar (Indie, Live), Doomsday in der Strada Bulgară (Techno-Keller, 300 Plätze) und Hangar im Park Valea Trandafirilor (Open-Air im Sommer). Festivals — Eclectic im Juli, Save the Rave im August, Mărțișor (Klassik) im März und das DescOPERĂ-Festival in Orheiul Vechi im Juni mit Oper unter freiem Himmel.

Chișinău-Epochen im Vergleich

Epoche
Marktort
Zarenzeit
Rumän. Phase
Sowjet-Zeit
Unabhängig
Zeitraum
1436 bis 1812
1812 bis 1918
1918 bis 1940
1940/44 bis 1991
Seit 27.8.1991
Schlüsselbau
Armen. Kirche 1804
Triumphbogen 1840
Stephan-Denkmal 1928
Regierung 1964
Carbon-Kultur
Sprache
Rumänisch, Türkisch
Russisch, Jiddisch
Rumänisch
Russisch, Moldau.
Rumänisch, Russ.
Architektur
Holz, Lehm
Eklektizismus
Art déco, Neorum.
Stalin, Brutalismus
Hipster-Innenhöfe
Bevölkerung
Rund 7.000 (1812)
Rund 110.000 (1900)
Rund 117.000 (1930)
Rund 656.000 (1989)
Rund 635.000 heute
Spuren heute
Armenische Kirche
Triumphbogen
Stephan-Denkmal
Mosaiken, Brutalismus
Carbon, iHub

Chișinău erschließt sich durch die Schichtung — wer einen Tag am Stephan-Boulevard verbringt, einen halben auf der Mosaik-Tour und einen Tagestrip nach Mileștii Mici oder Orheiul Vechi macht, hat fünf Jahrhunderte moldauischer Geschichte abgedeckt.

Praktische Tipps für den Chișinău-Besuch

  • Moldauischer Leu (MDL) und Preisniveau

    1 Euro entspricht rund 20 Lei. Kartenzahlung in Cafés, Restaurants, Hotels und Supermärkten zuverlässig — Bargeld für Marschrutkas und Piața Centrală. Geldautomaten am Stephan-Boulevard, besser an Bank-Automaten als im Hotel ziehen.

  • Boulevard zuerst, dann Mosaik-Tour

    Erst der Boulevard Ștefan cel Mare vom Stephan-Park zur Piața Centrală für den Überblick über zarische und sowjetische Stadtstruktur. Dann am zweiten Tag die Mosaik- und Brutalismus-Push-Pin-Tour in Râșcani, Botanica und Buiucani.

  • + Weinkeller-Tour mit Voranmeldung

    Mileștii Mici und Cricova nur mit Voranmeldung — drei bis fünf Tage vorher buchen über Hotel-Rezeption oder die Tourismusplattform moldova.travel. Geführte Halbtagestouren ab Chișinău mit Hotel-Abholung 45 bis 70 Euro pro Person inklusive Verkostung.

  • i Sprache und Verständigung

    Staatssprache Rumänisch (lateinische Schrift). Russisch bei älterer Generation und Minderheit weit verbreitet. Englisch in Cafés, IT-Szene und Hotels meist gut. Mulțumesc (Danke) und Bună ziua (Guten Tag) öffnen Türen.

  • Mosaik- und Brutalismus-Tour

    Das Kollektiv Locals Moldova bietet 3- bis 4-stündige Touren zu Mosaiken und Brutalismus-Solitären — Treffpunkt Hotel Național, ab 25 Euro pro Person, Buchung über moldova.travel. Auf eigene Faust mit Ride-App-Hopping ein ganzer Tag.

  • Sicherheit und Reise-Hinweise

    Chișinău gilt als sichere Stadt — Kleinkriminalität wie Taschendiebstahl in Marschrutkas und Piața Centrală kommt vor. Die abtrünnige Region Transnistrien ist außerhalb der Kontrolle der Republik Moldau — Auswärtiges Amt vor Tagesreise prüfen. Botschaft Deutschlands am Strada Maria Cibotari 35.

  • Beste Reisezeit Mai bis September

    Juni und September ideal mit 22 bis 28 Grad und niedriger Luftfeuchte. Juli und August heiß (über 32 Grad), Mai frisch mit blühenden Kastanien. Oktober Weinlese mit Nationalem Weinfest am ersten Wochenende. Wetter und Saison-Infos auf moldova.travel.

  • Tagestrip Orheiul Vechi planen

    60 Kilometer nordöstlich, ganzer Tag — Marschrutka ab Autogara Centrală 1:30 Stunden, alternativ Mietwagen oder geführte Tour ab 35 Euro. Festes Schuhwerk wegen Kalksteinfelsen und steiler Stufen, Wasser mitbringen.

Insider-Tipps

Moldauische Küche

Die moldauische Küche ist eng mit der rumänischen verwandt — ergänzt um ukrainisch-russische und türkische Einflüsse. Klassiker — Mămăligă (Maisbrei mit Brânză de oi und saurer Sahne), Sarmale (Kohlrouladen), Plăcintă (Teigtaschen mit Kartoffeln, Kürbis, Kraut oder Apfel) und Zeamă (Hühnersuppe). Restaurants — La Plăcinte, Vatra Neamului mit Folklore-Abend, Smokehouse modern, Pegas Terasă mit Innenhof.

Wein-Festivals und Nationaltag

Das Nationale Weinfest (Ziua Națională a Vinului) am ersten Wochenende im Oktober ist eines der größten Volksfeste Moldaus — auf der Piața Marii Adunări präsentieren rund 80 Weingüter, Eintritt frei, Glas-Token ab 50 Lei. Unabhängigkeitstag am 27. August und Tag der Rumänischen Sprache am 31. August mit Konzerten am Boulevard.

HÄUFIGE FRAGEN

Wann wurde Chișinău gegründet?

Chișinău wurde 1436 erstmals urkundlich erwähnt, blieb aber bis 1812 ein bescheidenes Marktstädtchen am Fluss Bâc. Mit der Annexion Bessarabiens durch das Russische Reich nach dem Frieden von Bukarest 1812 wurde Chișinău (russisch Kischinjow) zur Provinzhauptstadt erhoben. Das schachbrettartige Straßenraster der Innenstadt geht auf den Generalplan von 1817 zurück.

Was ist der Boulevard Ștefan cel Mare?

Der Boulevardul Ștefan cel Mare și Sfânt — benannt nach dem moldauischen Fürsten Stephan dem Großen (1433 bis 1504) — ist die zentrale Nord-Süd-Achse von Chișinău. Auf rund 3,8 Kilometern durchquert er die Innenstadt vom Stephan-Park bis zur Piața Centrală und reiht Regierungsgebäude, Präsidialamt, Parlament, Akademie, Oper, Nationalbibliothek und das Hotel National aneinander. Doppelte Lindenreihe, vierspurige Fahrbahn.

Was ist der Triumphbogen von Chișinău?

Der Triumphbogen (Arcul de Triumf, auch Sfânta Poartă) auf der Piața Marii Adunări Naționale direkt vor der Kathedrale ist ein 13 Meter hoher Kalkstein-Bogen, errichtet 1840 zum Sieg des Russischen Reiches über das Osmanische Reich 1828 bis 1829. Auf dem Dachgeschoss hängt eine Glocke aus eingeschmolzenen türkischen Kanonen. Das zeremonielle Zentrum der Stadt bei Staatsakten und Paraden, Eintritt frei.

Wer baute die Kathedrale Nașterea Domului?

Die Kathedrale Geburt des Herrn (Catedrala Nașterea Domului) wurde 1830 bis 1836 nach Plänen des italienischen Architekten Auguste de Montferrand errichtet — dem Baumeister der Isaakskathedrale in Sankt Petersburg. Der klassizistische Bau mit weißer Trommelkuppel und vier Säulen-Portalen war schwer kriegsbeschädigt 1941, in den 1960ern als Ausstellungshalle zweckentfremdet und 1990 als Kirche wiederhergestellt. Der freistehende Glockenturm wurde 1962 gesprengt und 1997 rekonstruiert.

Was sind die wichtigsten Brutalismus-Bauten in Chișinău?

Die wichtigsten brutalistischen Solitäre sind das Hotel Național (1978, heute Ruine) mit dreieckigem Grundriss, das Staatszirkus-Gebäude (Circul de Stat, 1981) mit halbkugelförmiger Beton-Kuppel, das Romanița-Hochhaus (1986) in Botanica mit blütenförmigem 25-Stockwerk-Grundriss, das ehemalige Hotel Cosmos mit Pyramiden-Fassade und das Akademische Theater Eugen Ionesco mit Mosaik-Eingangsfassade. Eine Push-Pin-Tour umfasst rund 12 Kilometer und braucht einen ganzen Tag.

Wo sind die berühmten Sowjet-Mosaiken zu sehen?

Chișinău besitzt eine der dichtesten Konzentrationen sowjetischer Mosaik-Wandgemälde in Europa — über 80 Wandbilder aus 1965 bis 1989. Bekannte Mosaiken: die Fassade des Theaters Eugen Ionesco im Stadtteil Râșcani, das Mosaik am Trolleybus-Depot Nr. 1, das Wandbild Pământul Moldovei an der ehemaligen Konditorei Bucuria, das Mosaik am Schulkomplex Nr. 56 und das Wandbild Cosmos im ehemaligen Kino Patria. Geführte Touren mit Locals Moldova ab 25 Euro pro Person.

Was ist der Pushkin-Park?

Der Pushkin-Park (Grădina Publică, früher Parcul Pușkin) am Boulevard Ștefan cel Mare ist der zweitgrößte Park der Innenstadt mit dem Pushkin-Denkmal von Alexander Opekušin (1885). Alexander Sergejewitsch Pushkin lebte 1820 bis 1823 in Chișinău im Exil und schrieb hier Teile des Versromans Eugen Onegin und das Poem Die Zigeuner. Das Pushkin-Haus-Museum am Park-Rand zeigt das ursprüngliche Wohnhaus mit Originalmöbeln und Manuskripten. Eintritt 30 Lei, Mi bis So 10 bis 17 Uhr.

Was ist Mileștii Mici?

Mileștii Mici rund 18 Kilometer südlich von Chișinău ist seit 2005 Guinness-Weltrekord-Halter für den größten Weinkeller der Welt — ein unterirdisches Tunnelsystem aus ehemaligen Kalksteinminen mit über 200 Kilometern Stollen, von denen rund 55 Kilometer als Weinkeller genutzt werden. Die Sammlung umfasst über 2 Millionen Flaschen, der älteste Wein stammt aus dem Jahr 1968. Verkostungstour mit Auto durchs Labyrinth, Preis ab 35 Euro pro Person, Voranmeldung erforderlich.

Was ist Cricova?

Cricova rund 15 Kilometer nördlich von Chișinău ist die zweite große Weinkeller-Adresse Moldaus — ein Kalkstein-Tunnelsystem mit 120 Kilometern Stollen, von denen rund 60 Kilometer mit Wein belegt sind. Über 1,2 Millionen Flaschen, darunter die berühmte Collection mit Hermann-Göring-Beständen. Es gibt sogar unterirdische Straßenschilder Strada Cabernet und Strada Feteasca Albă. Verkostung mit drei Weinen und Schaumwein nach Méthode Champenoise ab 30 Euro pro Person.

Was ist Orheiul Vechi?

Orheiul Vechi (Alt-Orhei) rund 60 Kilometer nordöstlich von Chișinău ist der spirituelle und archäologische Schlüsselort Moldaus — ein Felsenkloster aus dem 13. Jahrhundert in einer dramatischen Schleife des Răut-Flusses. Auf dem Plateau liegen Reste einer getischen Siedlung, der mittelalterlichen Stadt Șehr al-Cedid der Goldenen Horde, das moldauische Fürstenschloss und das Höhlenkloster Peștera mit in den Fels geschlagenen Zellen. Eintritt 20 Lei, täglich zugänglich.

Wo war das jüdische Chișinău und was geschah 1903?

Vor 1940 hatte Chișinău eine große jüdische Gemeinde mit rund 50.000 Menschen (etwa 35 Prozent der Stadtbevölkerung). Das Pogrom von Kischinjow am 19. und 20. April 1903 war einer der schwersten antijüdischen Übergriffe im Russischen Reich vor dem Ersten Weltkrieg — 49 Tote, 92 Schwerverletzte, rund 700 Häuser und 600 Geschäfte zerstört. Erhaltene Spuren: Synagoge Habad Liubavici (1896), Familien-Synagoge Rabbi Țirelson (1929), Jüdisches Museum in der Strada Bender 49 und der Friedhof Cimitirul Evreiesc Vechi.

Wann ist die beste Reisezeit für Chișinău?

Juni und September sind die idealen Monate mit Tagestemperaturen 22 bis 28 Grad und niedriger Luftfeuchte. Mai bringt blühende Kastanien am Stephan-Boulevard und ist noch frisch. Juli und August können sehr heiß werden (über 32 Grad). Oktober ist Weinlese mit dem Nationalen Weinfest am ersten Wochenende — eines der größten Volksfeste des Landes mit rund 80 Weingütern auf der Piața Marii Adunări Naționale, Eintritt frei, Verkostungen mit Glas-Token ab 50 Lei.
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