Wandern in Norwegen heißt unbegrenzter Zugang zu Fjellen, Fjorden und einer der dichtesten Hüttennetze Europas. Das Allemannsretten garantiert seit 1957 jedem das Recht, in der Natur zu wandern und unter freiem Himmel zu zelten. Über 22.000 Kilometer markierte Wege durchziehen das Land, das DNT-Hüttennetz mit rund 550 Hütten ermöglicht Mehrtagestouren ohne Zelt. Die ikonischen Ziele Preikestolen, Trolltunga und Kjerag liegen rund um den Lysefjord und Hardangerfjord, die anspruchsvollsten Touren führen durch Jotunheimen mit dem 2.469 Meter hohen Galdhøpiggen. Dieser Guide zeigt Dir die Top-Regionen, die besten Touren je nach Kondition, das Hüttensystem, Ausrüstung und einen konkreten Sieben-Tage-Plan für die südnorwegischen Klassiker.
Anreise zu den norwegischen Wandergebieten
Die meisten Wanderer fliegen nach Oslo, Bergen oder Stavanger und nehmen von dort Bahn, Bus oder Mietwagen zu den Ausgangspunkten. Die Top-Regionen sind über das nationale Verkehrsnetz Vy gut erschlossen, die Fjellweg-Hütten erfordern oft noch eine Buslinie ab dem nächsten Bahnhof. Aus Deutschland mit Auto und Color-Line-Fähre planst Du zwei Tage hin und zwei zurück, dafür hast Du vor Ort volle Flexibilität.
Mit dem Auto
Die Color Line von Kiel nach Oslo ist die schnellste Auto-Anreise und endet mitten in der Hauptstadt. Alternativ Stena Line nach Göteborg und dann rund vier bis fünf Stunden über die E6 nach Oslo oder weiter nach Westen. Für die Lysefjord-Touren rund um Preikestolen und Kjerag startest Du am besten in Stavanger, für Trolltunga in Odda. Mietwagen am Flughafen sind oft günstiger als am Stadtbahnhof, in der Hauptsaison aber Wochen im Voraus zu buchen.
Mit der Bahn und dem ÖPNV
Die Bergensbanen von Oslo nach Bergen gilt als eine der schönsten Bahnstrecken Europas und führt direkt über die Hardangervidda. Stationen wie Finse auf 1.222 Metern Höhe sind klassische Start- oder Endpunkte mehrtägiger Touren. Für Jotunheimen steigst Du in Otta aus und nimmst den Vy-Bus weiter nach Gjendesheim oder Spiterstulen. Die Norway-In-A-Nutshell-Pakete kombinieren Bahn, Fjordfähre und Bus in einem Ticket.
Mit dem Flugzeug
Oslo-Gardermoen (OSL) ist der Haupthub, von Hamburg, Berlin, Frankfurt und München mehrfach täglich erreichbar. Direkt für die Westfjorde lohnen Bergen (BGO) oder Stavanger (SVG), für die Lofoten Bodø oder Tromsø mit Anschluss-Inlandsflug nach Svolvær oder Leknes. Inlandsflüge mit Widerøe oder SAS dauern selten länger als eine Stunde.
Vor Ort bewegen und DNT-Hütten
Die DNT (Den Norske Turistforening) betreibt rund 550 Hütten, von einfachen Selbstversorger-Hütten mit Schlüssel-System bis zu bewirtschafteten Berghütten mit Vollverpflegung. Eine Mitgliedschaft kostet rund 800 NOK pro Jahr und reduziert die Übernachtung erheblich. Buchung erfolgt online, in der Hauptsaison Juli und August solltest Du Hütten in beliebten Gebieten Wochen im Voraus reservieren.
Die Top-Wanderregionen Norwegens
Norwegen lässt sich grob in vier große Wanderregionen einteilen, die jeweils einen eigenen Charakter und Schwierigkeitsgrad bieten. Vom alpinen Hochgebirge in Jotunheimen über die endlose Hochebene Hardangervidda bis zu den schroffen Inselbergen der Lofoten gibt es für jedes Niveau passende Touren.
Jotunheimen – das Heim der Riesen
Jotunheimen ist das höchste Gebirge Skandinaviens und beheimatet alle 29 norwegischen Gipfel über 2.300 Meter. Der berühmteste Wanderweg ist der Besseggen-Grat, eine Tagestour mit spektakulärem Blick auf den smaragdgrünen Gjende-See und den dunkelblauen Bessvatnet. Galdhøpiggen mit 2.469 Metern wird in geführten Gletschertouren ab Spiterstulen bestiegen. Die Hütten Gjendesheim, Memurubu, Glitterheim und Leirvassbu bilden ein klassisches Mehrtages-Netz.
Hardangervidda – Europas größte Hochebene
Die Hardangervidda erstreckt sich über 8.000 Quadratkilometer und ist die größte Bergplateau-Region Europas. Hier streifen die letzten wilden Rentierherden Südnorwegens umher, das Landschaftsbild ist karg und weit. Trolltunga und Hårteigen sind die ikonischen Ziele, die Bergensbahn-Station Finse dient als Ausgangspunkt für die anspruchsvolle Vier-Tage-Tour nach Hardangerjøkulen-Gletscher und weiter zum Sehnsuchtsort Vøringsfossen-Wasserfall.
Lysefjord-Region mit Preikestolen und Kjerag
Die spektakulären Felsformationen Preikestolen (604 Meter senkrecht über dem Fjord) und Kjerag mit dem berühmten eingeklemmten Felsblock Kjeragbolten liegen beide am Lysefjord östlich von Stavanger. Preikestolen ist die einfachste Tour der drei großen Klassiker, vier Stunden Hin- und Rückweg ab dem Parkplatz. Kjerag erfordert mit zehn Stunden und drei steilen Anstiegen deutlich mehr Kondition. Beide Touren sind in der Hauptsaison stark frequentiert.
Lofoten und Senja im Norden
Die Inselbergketten der Lofoten und Senja bieten kurze, aber sehr steile Anstiege mit traumhaften Meerblicken. Klassiker sind Reinebringen über dem Fischerdorf Reine, Ryten mit Blick auf den weißen Sandstrand Kvalvika und Hesten auf Senja gegenüber dem berühmten Segla-Gipfel. Hier bleibt es von Ende Mai bis Mitte Juli durchgehend hell, Mitternachts-Wanderungen unter der Mitternachtssonne sind ein eigenes Erlebnis.
Die sechs ikonischen Touren im Überblick
Preikestolen
604 m senkrecht über dem Lysefjord. 8 km hin und zurück, 4 Stunden, mittel. Geöffnet ganzjährig, im Winter mit Guide.
Trolltunga
Die Trollzunge ragt 700 m über den Ringedalsvatnet. 28 km, 10 bis 12 Stunden, schwer. Mitte Juni bis Mitte September.
Kjerag und Kjeragbolten
Eingeklemmter Felsblock auf 1.000 m über Lysefjord. 11 km, 8 bis 10 Stunden, schwer mit drei Steilanstiegen.
Besseggen-Grat
Schmaler Grat zwischen zwei Bergseen in Jotunheimen. 14 km, 7 bis 8 Stunden, schwer, mit Boot-Anreise per Gjendebåten.
Galdhøpiggen
Höchster Berg Skandinaviens, 2.469 m. Ab Spiterstulen 14 km, 7 Stunden, oder via Juvasshytta mit Gletscher-Guide.
Romsdalseggen
Spektakuläre Gratwanderung über Åndalsnes mit Blick auf Trollwand und Romsdalsfjord. 10 km, 7 Stunden, schwer.
Die sechs Top-Touren im direkten Vergleich
Im Winter sind die Hochtouren nur mit zertifiziertem Guide und Lawinen-Ausrüstung machbar.
Allemannsretten und das DNT-Hüttensystem
Das norwegische Jedermannsrecht erlaubt das freie Betreten unbebauter Natur, das Zelten in unbewirtschaftetem Gebiet und das Pflücken von Beeren und Pilzen. Du musst mindestens 150 Meter Abstand zum nächsten bewohnten Haus halten und nach maximal zwei Nächten weiterziehen. Feuer ist von Mitte April bis Mitte September in Waldnähe verboten.
So funktioniert das DNT-Schlüssel-System
Mit einer DNT-Mitgliedschaft erhältst Du einen Universal-Schlüssel, der Zugang zu allen unbewirtschafteten Selbstversorger-Hütten gewährt. Du findest dort Betten, Decken, Holzofen, Küchenausrüstung und manchmal sogar Trockenproviant in Konservendosen. Bezahlt wird per Selbstabrechnung in ein Couvert, das Du in die Box vor Ort wirfst. Bewirtschaftete Hütten wie Memurubu, Gjendesheim oder Glitterheim sind Hotels mit Restaurant und kosten 700 bis 1.200 NOK pro Nacht für Mitglieder.
T-Markierungen und Stein-Türme
Norwegische Wanderwege sind mit roten T-Buchstaben gekennzeichnet, die auf Felsen oder Bäumen gemalt werden. Im Hochgebirge übernehmen Steintürme (Varder) diese Aufgabe und sind alle 20 bis 50 Meter sichtbar. Nebel und Schneetreiben können die Orientierung erschweren, deshalb gehört eine 1:50.000er-Karte und ein Kompass zur Grundausrüstung, auch wenn Du das Handy mit der UT-App dabei hast.
Praktische Tipps für das Wandern in Norwegen
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Drei-Schichten-System
Norwegisches Wetter wechselt in Minuten. Funktionsunterwäsche, Fleece-Mittelschicht und Hardshell-Jacke plus Hose sind Pflicht. Auch im Juli kann es im Hochgebirge auf null Grad fallen, Mütze und Handschuhe gehören mit ins Tagesgepäck.
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DNT-Mitgliedschaft lohnt fast immer
Für rund 800 NOK pro Jahr bekommst Du den Universal-Schlüssel und zahlst auf bewirtschafteten Hütten rund 350 NOK weniger pro Nacht. Schon nach zwei Hüttennächten rechnet sich die Mitgliedschaft. Online unter dnt-Domain ohne Wartezeit buchbar.
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Beste Reisezeit Mitte Juli bis Anfang September
Im Hochgebirge liegt bis Mitte Juli oft noch Schnee, auch im August. Die zuverlässigste Periode ist die zweite Julihälfte bis Ende August mit langen Tagen und gut präparierten Wegen. Mitte September bringt Indian Summer, aber kürzere Lichtphasen.
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UT-App und Yr-Wetter
Die kostenlose App ut.no zeigt alle DNT-Hütten, Wege und aktuelle Bedingungen. Yr.no ist der norwegische Wetterdienst mit präzisen Berg-Prognosen für jeden Wanderausgang. Beide Apps funktionieren auch offline mit vorher geladenen Karten.
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Hütten in der Hauptsaison reservieren
Beliebte Hütten wie Memurubu, Gjendesheim und Glitterheim sind im Juli und August oft Wochen im Voraus ausgebucht. Selbstversorger-Hütten haben kein Reservierungssystem, dort gilt Schlafsack-zuerst-da-bekommt-Bett.
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Verpflegung mitbringen
Norwegen ist teuer. Eine Hauptmahlzeit auf bewirtschafteter Hütte kostet rund 350 NOK. Wer auf Selbstversorger-Hütten unterwegs ist, kauft Trockennahrung im Supermarkt vor der Tour und spart deutlich. Wasser kannst Du aus Bächen unbedenklich trinken.
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Sicherheitstour-Plan abgeben
Bei mehrtägigen Touren in entlegenen Gebieten hinterlässt Du Deine Route bei der Hütten-Wirtin oder per Notrufsystem 112. Norwegische Bergrettung ist kostenlos, aber Funkverbindung gibt es selten. Garmin inReach oder ähnliches Notrufgerät empfohlen.
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Auch leichte Touren wählen
Nicht jeder muss auf die Trolltunga. Klassiker wie Kjeragbolten umgehen kann der Weg zur Øygardstølen-Hütte, Preikestolen-Alternative ist der Flørli-Treppenweg, und in Jotunheimen führen viele kurze Wege zu Aussichten ohne 1.000 Höhenmeter.
Insider-Tipps fürs Wandern in Norwegen
Aurlandsdalen statt Trolltunga
Die viertägige Aurlandsdalen-Tour von Finse über Geiteryggshytta nach Østerbø und Vassbygdi gilt als eine der schönsten Wanderungen Skandinaviens und ist deutlich ruhiger als Trolltunga. Du startest auf 1.222 Metern an der Bahnstation Finse und endest auf Meereshöhe am Aurlandsfjord. Die Tour ist gut markiert, alle Hütten bewirtschaftet und buchbar.
Senja statt Lofoten
Senja heißt das oft als zweite Lofoten gehandelte Insel-Massiv weiter nördlich. Hesten gegenüber dem Segla-Gipfel ist nach drei Stunden zu schaffen und liefert eine der ikonischsten Aussichten Nordnorwegens, ohne die Selfie-Schlangen am Reinebringen. Anfahrt über Tromsø oder Andenes mit der Bjørnskinn-Fähre.
Galdhøpiggen-Sonnenaufgang
Wer die anspruchsvolle Galdhøpiggen-Tour ab Juvasshytta mit Gletscher-Guide bucht, kann eine Mitternachts-Variante wählen. Start um drei Uhr morgens, Gipfel zur magischen Stunde mit Wolkenmeer unter den Füßen und Mondlicht auf den Eisfeldern. Die geführte Tour ist Pflicht wegen Gletscherspalten und kostet rund 1.200 NOK pro Person.




