Lettlands Küste erstreckt sich auf über 500 Kilometern Länge zwischen der litauischen Grenze im Süden und der estnischen Grenze im Norden — und ist trotz dieser Dimension eines der bestgehüteten Strandgeheimnisse Europas. Wer im Sommer auf einem der einsamen Kiefernwald-Strände steht, hat oft kilometerweit feinen weißen Sand für sich allein, dahinter Wanderdünen, Bernsteinfunde nach Herbststürmen und die schmale Linie der baltischen Brandung. Drei landschaftliche Großräume gliedern die Küste — die Rigaer Bucht mit ihrem flachen, badewannenwarmen Wasser rund um Jūrmala und Saulkrasti, die exponierte offene Ostsee an der Westküste Kurzemes mit Wellen für Surfer und Kiter, sowie das Kap Kolka als spektakuläres Naturphänomen, an dem zwei Meere zusammenströmen. Dieser Guide führt zu fünfzehn der schönsten Wildstrände, gibt die wichtigsten Anreise- und Naturschutz-Hinweise und zeigt, warum die lettische Küste mit ihren Bernstein-Funden, der Vogelzugachse und der lebendigen Livenkultur weit mehr ist als eine günstige Alternative zur Ostsee bei Usedom oder Rügen.
Anreise und Erreichbarkeit
Lettland liegt im Baltikum zwischen Estland und Litauen, rund 1.500 Kilometer Luftlinie von Berlin entfernt. Die Hauptstadt Rīga ist das logistische Drehkreuz und Startpunkt jeder Küstenreise. Wer auf latvia.travel die offiziellen Tourismus-Hinweise sichtet, findet aktuelle Saison-Infos zu Stränden, Nationalparks und Naturreservaten.
Mit dem Flugzeug
Der Flughafen Rīga (RIX) liegt 10 Kilometer westlich der Innenstadt und ist mit Direktflügen aus Frankfurt, München, Berlin, Hamburg, Düsseldorf, Wien und Zürich in 2:00 bis 2:30 Stunden erreichbar (airBaltic, Lufthansa, Ryanair, Wizz Air). Vom Flughafen fährt Stadtbus 22 alle 20 Minuten zum Hauptbahnhof Rīga Centrāla in 30 Minuten für 2 Euro. Für die Westküste empfiehlt sich Mietwagen direkt am Terminal — Sixt, Europcar, Avis und Carrent.
Mit der Bahn und dem ÖPNV
Das lettische Bahnnetz Pasažieru vilciens (PV) verbindet Rīga mit Jūrmala (30 Minuten, 1,50 Euro), Saulkrasti (50 Minuten), Tukums (1:15 Stunden) und Skulte. Züge fahren stündlich, sind sauber und sehr günstig. Nach Liepāja und Ventspils gibt es allerdings keine direkte Bahn — hier fährt der Reisebus von Lux Express oder Ecolines in 3:00 bis 3:30 Stunden mehrmals täglich ab dem Busbahnhof Rīgas Starptautiskā autoosta. Auch Kap Kolka, Pāvilosta und Mazirbe sind nur per Bus oder Auto erreichbar.
Mit dem Auto und der Fähre
Wer eigenes Auto mitbringen will, nutzt die Fähre der Reederei Stena Line von Travemünde nach Liepāja in 21 Stunden, mehrmals pro Woche. Alternativ DFDS von Kiel nach Klaipėda mit 220 Kilometer Restfahrt nach Liepāja. Der Landweg über Polen und Litauen ist mit 1.800 Kilometer (Hamburg-Rīga) zwar günstig, aber langwierig. Vor Ort sind die Hauptstraßen A1, A9 und A10 zu den Küsten sehr gut ausgebaut, die Nebenstraßen nach Kap Kolka, Mazirbe und Užava teils Schotter — gut fahrbar, im Frühjahr nach Frost mit Vorsicht.
Vor Ort bewegen
Für einen Küsten-Roadtrip sind Mietwagen oder Wohnmobil ideal — die Westküste lässt sich in 4 bis 6 Tagen abfahren. Sprit 1,60 Euro pro Liter, Parken am Strand meist kostenlos außer Jūrmala. Ohne Auto wählt man Jūrmala für die Bucht oder Liepāja für die Westküste als Basis und kombiniert mit Bus oder Taxi.
Jūrmala — der lange feine Sandstrand
Jūrmala ist der berühmteste lettische Badeort und ein langgezogenes Linien-Dorf entlang der Rigaer Bucht — 33 Kilometer feiner weißer Quarzsand zwischen Lielupe und Ķemeri, dahinter Kiefernwald und die kuriose Mischung aus sowjetischen Sanatorien und pastellfarbenen Jugendstil-Holzvillen der Zarenzeit. Das Wasser ist flach und im Sommer badewannenwarm bis 23 Grad. Die Promenade Jomas iela mit Cafés und Bernstein-Boutiquen erinnert an einen mediterranen Kurort. Sechs Strandabschnitte (Majori, Dzintari, Bulduri, Dubulti, Pumpuri, Vaivari) führen das Blaue-Flagge-Zertifikat. Vom 1. Juni bis 31. August Kurtaxe 2 Euro pro Auto. Direkte Vorortzüge ab Rīga in 30 Minuten.
Kap Kolka — Zusammenfluss von Ostsee und Rigaer Bucht
Kap Kolka (Kolkasrags) liegt an der Nordspitze der Halbinsel Kurzeme und ist das spektakulärste Naturphänomen der lettischen Küste — hier strömen offene Ostsee und Rigaer Bucht ineinander, oft als Linie unterschiedlicher Wasserfarbe und mit Brandung aus zwei Richtungen. Bei Sturm türmen sich Wellen von 3 bis 5 Metern. Der Strand ist breit, mit hellem Sand und Treibholz, dahinter ein moderner Aussichtsturm und 5 Kilometer vor der Küste der historische Leuchtturm Kolkas bāka aus 1875 auf einer künstlichen Insel. Das Hinterland gehört zum Slītere-Nationalpark. Kap Kolka ist Hauptachse des Vogelzugs zwischen Skandinavien und Südeuropa.
Saulkrasti — die weiße Düne
Saulkrasti liegt 45 Kilometer nordöstlich Rīga am Ostufer der Rigaer Bucht und gilt als ruhigere Familien-Alternative zu Jūrmala. Hauptattraktion ist die Baltā kāpa (Weiße Düne), eine 18 Meter hohe Steilküste aus reinem weißen Quarzsand entlang einer Bucht mit der Inčupe-Mündung. Ein 5 Kilometer langer Naturpfad mit Aussichtspodest und Holzstegen führt durch Kiefernwald und entlang der Düne — beste Fotozeit im Abendlicht. Der Hauptstrand mit Blauer Flagge bietet 7 Kilometer feinen Sand, deutlich leerer als Jūrmala, plus Fischerhafen mit Räucherei. Im Ort das Fahrrad-Museum mit Exponaten ab 1888.
Pāvilosta — der Surf-Hotspot
Pāvilosta an der offenen Westküste Kurzemes ist mit 1.000 Einwohnern eines der windigsten Dörfer Lettlands — perfekt für Kitesurfen, Windsurfen und Wellenreiten. Der Ort liegt zwischen Hafen an der Saka-Mündung und breitem flachem Sandstrand mit konstantem West- bis Nordwest-Wind, 4 bis 6 Beaufort und Wellen bis 2 Meter. Die Surfschule Hipp Beach bietet Anfängerstunden ab 40 Euro plus Materialverleih für Wing-Foilen und SUP. Übernachtungstipp sind die Wikinger-Cabins von Pāvilosta Marina am Wasser. Anfang Juli Festival Sansusī mit Open-Air zwischen Düne und Bühne.
Liepāja Karosta-Strand — Geschichte am Sand
Liepāja ist mit 70.000 Einwohnern die drittgrößte Stadt Lettlands, an der offenen Ostsee 220 Kilometer westlich Rīga. Der Hauptstrand Liepāja Pludmale südlich der Stadt hat Blauer-Flagge-Status und eine lange Promenade. Spannender für Geschichtsfans ist der Karosta-Strand im Norden — Karosta (Kriegshafen) war 1893 bis 1991 zaristische, dann sowjetische Militärsperrzone und erst seit 30 Jahren zugänglich. An der Küste die Ruinen der Nordforts (Ziemeļu forti), Betonbastionen, die in der Brandung versinken und ein bekanntes Foto-Motiv sind. Der Strand ist breit, sandig, wochentags fast leer. 1 Kilometer entfernt das Karosta-Gefängnis-Museum mit Übernachtungs-Experimenten in alten Zellen.
Ventspils — die Promenade und der Schwimmstrand
Ventspils mit 35.000 Einwohnern an der Mündung der Venta hat einen der saubersten Strände der Ostsee — Blaue-Flaggen-Status, 1,5 Kilometer feiner weißer Sand, Holzboardwalk und große Spielplätze. Die Stadt wurde mit Geld aus dem Ölhafen herausgeputzt und wirkt mit Skulpturen, blühenden Beeten und Kuh-Statuen wie ein kleines lettisches Disney. Das Strandareal ist familienfreundlich mit Beachvolleyball, einem 3 Kilometer langen Boardwalk durch Dünen und Kiefernwald und einer Schmalspurbahn von Mai bis September.
Roja-Strand — ruhig an der Bucht-Ostküste
Roja liegt 130 Kilometer nordwestlich Rīga am Westufer der Rigaer Bucht und ist eines der ruhigsten Küstendörfer des Landes — 1.500 Einwohner, ein traditioneller Fischerhafen und ein 3 Kilometer langer Sandstrand mit klarem Bucht-Wasser. Der Strand fällt weniger als 2 Meter ab und ist besonders kinderfreundlich, der Sand fein und hell. Am Hafen verkauft die Räucherei Rojas zivju konservi geräucherte Flunder und Lachs aus eigenen Fängen. Ein guter Zwischenstopp zwischen Jūrmala und Kap Kolka, vor allem für Familien, denen der Wellengang der offenen Ostsee zu wild ist.
Mazirbe — Hauptort der Liv-Küste
Mazirbe ist das Zentrum der Liwen (Lībieši), eines indigenen ostseefinnischen Volkes mit eigener Sprache, das einst die gesamte Nordküste Kurzemes besiedelte. Heute sprechen weniger als 30 Personen fließend Liwisch. Im Ort steht das Liv-Volkshaus (Lībiešu tautas nams), 1939 eingeweiht von den finnischen, estnischen und ungarischen Schwesternationen — weltweit einzigartig. Der Strand ist endlos, leer und mit Treibholz übersät, dahinter Pinienwald mit Heidelbeeren im August. Anfang August feiert die Liv-Gemeinschaft das Lībiešu svētki mit Volksliedern, Trachten und Sklandrausis-Roggenpastete. Über die P124 erreichbar zwischen den ehemaligen Liv-Dörfern Sīkrags, Pitrags und Košrags.
Užava-Leuchtturm — die Wanderdüne
Der Užava-Leuchtturm (Užavas bāka) steht 25 Kilometer nördlich Ventspils auf einer 28 Meter hohen Wanderdüne — der wohl fotogenste Punkt der Westküste, ein 19 Meter hoher weißer Turm mit rotem Helm aus 1879. Die Düne wandert jährlich 1 bis 2 Meter Richtung Inland und hat den Turm mehrfach bedroht. Der Strand davor ist breit, exponiert und meist leer mit Wellen über 1 Meter bei Westwind und reichlich Bernstein nach Stürmen. Turm-Aufstieg 4 Euro, Sicht 30 Kilometer in beide Richtungen. Zufahrt Schotterpiste ab Dorf Užava, letzte 2 Kilometer zu Fuß.
Bernsteinküste — Schatzsuche nach Stürmen
Lettland ist eines der wichtigsten Bernsteingebiete der Ostsee, vor allem die offene Westküste zwischen Liepāja und Ventspils. Baltischer Bernstein (Succinit) ist 35 bis 50 Millionen Jahre alt — versteinertes Harz eiszeitlicher Kiefernwälder, das durch Strömungen freigespült wird. Beste Funde nach Herbst- und Frühjahrsstürmen aus West bis Nordwest, 6 bis 24 Stunden nach Sturmende beim ersten Tageslicht. Top-Suchplätze sind Bernāti (südlich Liepāja), Pāvilosta, Užava und Mazirbe. Verwechseln Sie Bernstein nicht mit Phosphor — Phosphor brennt an der Luft und ist giftig. Echter Bernstein schwimmt in stark gesalzenem Wasser (1 Esslöffel auf 200 ml), Phosphor sinkt.
Pape Beach — Naturreservat ganz im Süden
Pape liegt 10 Kilometer von der litauischen Grenze entfernt und ist Teil des Pape-Naturreservats — eines der wichtigsten Vogelschutzgebiete im Baltikum. Hier kreuzt die Ostatlantik-Zugroute die Küste, im Frühjahr und Herbst rasten Millionen Kraniche, Wildgänse und Singvögel am Pape-See 500 Meter vom Strand. Der Strand ist 12 Kilometer lang, menschenleer, zwischen Düne und Erlenbruch — kein Kiosk, kein Asphalt, kein Hotel. Im Reservat leben seit Mitte der 1990er wiederangesiedelte Konik-Wildpferde und Heckrinder, beobachtbar vom Turm am See. Übernachten im Ranger-Camp oder in Wildhaus-Hütten.
Vakarbulli — der Strand direkt vor Rīga
Vakarbulli liegt am Westufer der Lielupe-Mündung, direkt gegenüber dem Hafenviertel Daugavgrīva — Luftlinie nur 12 Kilometer vom Stadtzentrum Rīga. Der Strand ist 4 Kilometer lang, dünen-geschützt und bei Locals ein Geheimtipp — deutlich ruhiger als Jūrmala, aber ebenso gut erreichbar mit dem Stadtbus 36 ab dem Bahnhof Imanta in 30 Minuten. SUP- und Kayak-Schulen nutzen das ruhige Bucht-Wasser für Anfänger. Direkt nördlich beginnt das Daugavgrīva-Naturreservat mit Schilfgürtel und Vogelbeobachtungsturm.
Inčupe-Düne — die wilde Schwester der Weißen Düne
Die Inčupe-Düne liegt 2 Kilometer nördlich von Saulkrasti am Ende der Bucht von Skulte und ist eine kleinere, wildere Schwester der Baltā kāpa. Auf 700 Metern bricht eine 12 Meter hohe Sandwand vertikal zum Inčupe-Fluss ab — durch Erosion ständig in Veränderung. Der Strand davor ist ruhig mit klarem flachem Wasser. Eine 3 Kilometer lange Holzsteg-Route mit Geologie- und Botanik-Tafeln führt durch den Pinienwald. Beste Fotozeit am späten Nachmittag im Westlicht. Erreichbar ab Bahnhof Saulkrasti in 40 Minuten zu Fuß.
Bigauņciems — das Familien-Dorf an der Bucht
Bigauņciems liegt 15 Kilometer westlich von Jūrmala am Südufer der Rigaer Bucht und ist ein ruhiges Wochenend-Häuser-Dorf mit 800 Einwohnern. Der 6 Kilometer lange Sandstrand zwischen Bigauņupes-Mündung und Klapkalnciems ist breit, flach abfallend und perfekt für Kleinkinder — viele Rīgaer Familien haben hier Sommerhäuser geerbt. Im Ort ein kleiner Fischerhafen mit Räucherfisch-Direktverkauf sowie das Café Smaržīgais ledus direkt am Strand. Hinter der Dünenkette beginnt der Kemeri-Nationalpark. Eine 25-Minuten-Auto-Alternative mit echtem Dorf-Charakter.
Kemeri-Mündung — Strand am Nationalpark
Die Mündung der Slokas und Vecslocenes-Flüsse in die Rigaer Bucht liegt im äußersten Westen des Kemeri-Nationalparks — ein 38.000 Hektar großes Schutzgebiet mit Hochmoor, Mischwald und Schwefelquellen, traditionell als Kurort für Schlammbäder genutzt. Der Strand am Mündungsgebiet ist sandig, von Schilf und Erlenbruch gerahmt und einer der einsamsten der Bucht. Über Holzstege erreicht man das Große Kemeri-Hochmoor (Lielais Ķemeru tīrelis) mit 3,5 Kilometer Bohlenweg durch Mooraugen und Schlenken. Beste Zeit kurz nach Sonnenaufgang im August. Anreise per Vorortbahn ab Rīga in 1:05 Stunden bis Kemeri plus 30 Minuten Fußweg.
Die 15 schönsten Wildstrände im Überblick
Jūrmala — Kurort-Klassiker
33 Kilometer feiner Sand mit Blauer Flagge an sechs Strandabschnitten zwischen Lielupe und Ķemeri. Direktverbindung per Vorortbahn ab Rīga in 30 Minuten. Lebendige Promenade Jomas iela mit Jugendstil-Villen und Sanatorien.
Kap Kolka — Meere-Zusammenfluss
Nordspitze Kurzemes, an der Ostsee und Rigaer Bucht ineinander strömen. Sandstrand mit Treibholz, moderner Aussichtsturm, historischer Leuchtturm 5 Kilometer vor der Küste. Vogelzugachse mit Millionen Durchzüglern.
Pāvilosta — Surf-Hotspot
Konstanter West-Wind mit 4 bis 6 Beaufort und Wellen bis 2 Meter Höhe. Surfschule Hipp Beach, Wikinger-Cabins direkt am Wasser, Open-Air-Festival Sansusī Anfang Juli.
Užava-Leuchtturm — Wanderdüne
19 Meter hoher Turm aus 1879 auf 28 Meter hoher Wanderdüne, die jedes Jahr 1 bis 2 Meter Richtung Inland zieht. Bernsteinfunde nach Stürmen, Schotterpiste-Anfahrt, 4 Euro Aufstieg.
Mazirbe — Liv-Küste
Hauptort der indigenen Liwen mit Liv-Volkshaus aus 1939. Endloser leerer Strand mit Treibholz, Kiefernwald-Hinterland, August-Festival mit Trachten und Sklandrausis-Pastete.
Pape — Naturreservat
12 Kilometer menschenleerer Strand 10 Kilometer vor litauischer Grenze. Wiederangesiedelte Konik-Wildpferde und Heckrinder, Kraniche und Wildgänse, kein Kiosk und keine Hotels.
Lettische Küste — Bucht oder offene Ostsee?
Die lettische Küste teilt sich klar in die geschützte Rigaer Bucht mit warmem Flachwasser und die rauere offene Ostsee Kurzemes mit Wellen, Wind und leeren Sandstränden — wer Familienbad-Komfort sucht, wählt Jūrmala oder Saulkrasti, wer Surf oder echte Wildnis will, fährt die Westküste.
Geologie und Bernsteinbildung
Die lettische Küste ist eine klassische Ausgleichsküste — seit dem Rückzug der eiszeitlichen Gletscher vor 10.000 Jahren hat die Ostsee das Land mit feinem Quarzsand überzogen. Die heutigen Dünen sind 2.000 bis 4.000 Jahre alt, manche Wanderdünen wie bei Užava ziehen jährlich 1 bis 2 Meter Richtung Inland. Der Bernstein entstand vor 35 bis 50 Millionen Jahren aus dem Harz subtropischer Kiefern (Pinus succinifera) in der Eozän-Epoche und wird durch Stürme an die lettische Küste gespült. In manchen Stücken sind Insekten oder Pflanzenreste eingeschlossen — ein Fenster in die tertiäre Tierwelt.
Vogelwelt und Naturreservate
Lettlands Küste liegt auf der Ostatlantik-Zugroute zwischen Skandinavien, Sibirien, Grönland und West-Afrika. Im April, Mai, September und Oktober ziehen täglich Hunderttausende bis Millionen Vögel über die Küste. Wichtige Sammelstationen sind Kap Kolka, der Pape-See, das Engure-Naturreservat östlich Roja und der Kemeri-Nationalpark mit Hochmoor. Ganzjährig leben Seeadler, Kraniche und Schwarzstörche an den Küsten, im Schilf brüten Rohrdommeln und Bartmeisen. Auf Pape und in Slītere sind Konik-Wildpferde und Heckrinder wieder angesiedelt — Beobachtung am besten vom Turm im ersten oder letzten Tageslicht.
Praktische Tipps für Lettlands wilde Strände
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Jūrmala-Kurtaxe online vorab zahlen
Vom 1. Juni bis 31. August verlangt Jūrmala eine Kurtaxe von 2 Euro pro Auto und Tag für die Einfahrt in den Kurort-Bereich. Wer per Bahn anreist, zahlt nichts. Online über das Portal jurmala.lv bezahlt mit Kennzeichen-Erfassung an automatischen Kameras, oder Bezahlautomaten bei den Ortseingängen. Bei Nicht-Zahlung droht ein Bußgeld von 40 Euro.
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Mitte Juli bis Mitte August als Bade-Hochsaison wählen
Die Wassertemperatur klettert in der Rigaer Bucht erst ab Mitte Juli regelmäßig über 20 Grad und hält sich bis Mitte August. An der offenen Ostsee Kurzemes bleibt es deutlich kühler (14 bis 17 Grad). Wer auch das Wasser nutzen will, kommt am besten Mitte Juli, wer Surfen, Bernstein oder Vogelbeobachtung sucht, eher Mai, September oder Oktober.
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Bernstein-Tipp nach Westwind-Sturm suchen
Beste Bernsteinfunde gelingen 6 bis 24 Stunden nach starkem West- bis Nordwest-Sturm mit über 6 Beaufort, idealerweise im Spätherbst (Oktober, November) oder Frühling (März, April). Suchen Sie in der Tang-Linie zwischen Treibholz und Algen, das gelbe Harz schimmert im flachen Schräglicht des Morgens. Top-Strände sind Bernāti, Pāvilosta, Užava und Mazirbe.
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Westküste nur mit Mietwagen erschließen
Während Jūrmala, Saulkrasti und Vakarbulli mit Bahn und Bus aus Rīga gut erreichbar sind, kommen Sie nach Pāvilosta, Užava, Kap Kolka, Mazirbe und Pape nur mit eigenem Auto oder selten verkehrendem Reisebus. Wer die ganze Küste erleben will, mietet ab dem Flughafen Rīga einen Wagen — Tagespreis ab 35 Euro, Sprit 1,60 Euro pro Liter, Schotterpisten gut fahrbar.
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Sklandrausis und Räucherfisch direkt am Hafen kaufen
Die typische Strand-Mahlzeit ist Sklandrausis, eine Roggenpastete mit Möhren- und Kartoffelfüllung aus der Liv-Tradition, sowie geräucherter Fisch (Flunder, Hering, Lachs, Plötze) aus den Hafen-Räuchereien. Top-Adressen sind die Räucherei Rojas zivju konservi in Roja, die Hafenmole in Pāvilosta sowie der Kaiwirtschaft-Markt in Liepāja am Samstag-Vormittag.
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Holzstege und Bohlenwege für Mobilitätseingeschränkte nutzen
Viele Wildstrände sind nur über sandige Pfade durch Dünen erreichbar — kaum rollstuhltauglich. Gut zugänglich mit Holzsteg-Infrastruktur sind dagegen Jūrmala (alle sechs Abschnitte), Ventspils mit Boardwalk, Saulkrasti zur Weißen Düne und der Kemeri-Hochmoor-Bohlenweg. Diese Bereiche sind auch für Kinderwagen geeignet.
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Mücken und Zecken einkalkulieren
Die lettischen Küstenwälder beherbergen viele Mücken (vor allem im Juni und Juli nach Regen) sowie Zecken mit FSME-Risiko. Lange Hosen in Hellfarben, DEET-Spray, Zecken-Check nach jedem Wald-Spaziergang. Eine FSME-Impfung wird vom Robert-Koch-Institut für Reisende ins Baltikum empfohlen, mindestens 4 Wochen vor Reise beginnen.
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Naturreservats-Regeln beachten
Pape, Slītere, Kemeri und Engure sind streng geschützte Areale — kein Wildcampen außerhalb ausgewiesener Plätze, keine Feuerstellen außerhalb der Picknick-Punkte, keine Drohnen ohne Genehmigung, Hunde an der Leine. Verstöße werden mit 100 bis 400 Euro Bußgeld geahndet. Wildcampen ist im Rest des Landes nach lettischem Jedermannsrecht erlaubt, sofern 300 Meter Abstand zu Häusern eingehalten wird.
Insider-Tipps
Saunaerlebnis und Wildbaden
Die lettische Küste ist eine der besten Sauna-Regionen Europas — pirts (lettische Sauna) ist seit Jahrhunderten Volkskultur. Viele Küstenpensionen bieten eigene Holz-Saunen mit pirts slotas (Birkenruten) und Kalt-Tauchgang in die Ostsee. Top-Adressen sind die Pirts in Pāvilosta Marina, das Liv-Volkshaus Mazirbe (auf Anfrage) und die Naturschutz-Pension Pape.
Die schmale Küstenstraße P124
Die P124 zwischen Mazirbe und Kap Kolka ist eine der schönsten Küstenstraßen des Baltikums — 28 Kilometer durch Kiefernwald, mit Stichstraßen zu jedem ehemaligen Liv-Dorf (Sīkrags, Mazirbe, Košrags, Pitrags, Saunags, Vaide, Kolka). Pro Dorf 5 bis 15 Holzhäuser, einige restauriert mit traditionellen Sklandrausis-Backöfen. Im August blühen die Heidelbeeren, einzelne Höfe öffnen Hofläden mit Honig und Räucherfisch. Plan ein bis zwei Stunden mit Stopp an jedem Dorf-Strand.




